Moschee-Tick

Ja, ich weiß, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn in einem Land überall neue Moscheen entstehen (ehrlich gesagt fände ich es auch ein schlechtes Zeichen, wenn in einem Land überall neue Kirchen oder was für Tempel auch immer entstehen würden). Ja, ich weiß, dass man diese Zeichen des Islamismus nur mit Sorge und Abscheu betrachten sollte. Und ja, ich bin auch gegen die große Moschee, die am Taksim gebaut werden soll, und die viel öffentlichen Raum einnehmen wird. Trotzdem: Was in Istanbul gerade an neuen Moscheen entsteht, ist teilweise einfach schön. Ich habe ja schon immer eine Schwäche für islamische Architektur gehabt und wollte vor langer Zeit sogar mal alle Moscheen des großen osmanischen Baumeisters Sinan kennen lernen. Das Projekt scheiterte an der Masse der Moschee und der Tatsache, dass manche an echt abwegigen Orten liegen. Letzteres gilt leider auch für die Werke von Sinans heutigen Nachfolgern. Erstes Ziel ging noch, es war die Şakirin Moschee (offensichtlich mit i oder google hat einen Fehler) etwas oberhalb von der Anlegestelle in Üsküdar. Von außen ist sie eher unscheinbar, was aber auch daran liegt, dass man erst von innen merkt, dass die Wände zum größten Teil durchbrochen sind und den Blick in die umgebenden Bäume zu lassen. Auch sonst gibt es schöne moderne Details: Den Mihrab (Gebetsnische, die nach Mekka zeigt) als großen türkisen Bogen und ein Minbar, der aussieht wie mit Buchseiten bedruckt. Die großen Lampen mit Koranversen in Regenbogenglas fand ich ja eher etwas kitschig, aber die sieht man bzw. frau auch nur von der Frauenempore richtig gut.




Begeistert hätte ich gerne noch zwei weitere moderne Moscheen besichtigt: die unterirdische auf der europäischen Seite und eine, bei der die Architekten die Form einer klassischen osmanische Moschee genommen haben und die Kuppel quasi "aufgebrochen" haben, indem sie die eine Hälfte höher gebaut haben als die andere. Leider musste ich feststellen, dass für beide das gleiche Problem bestand wie für manche Sinan-Moscheen: Sie liegen gefühlt am Ende der Welt. Beide hätten mit öffentlichen Nahverkehr mindestens zwei Stunden hin und zurück gebraucht, zur unterirdischen Moschee geht nur alle zwei (!) Stunden ein Bus. So wird das nichts mit dem Gewinnen neuer Gläubiger durch faszinierende Architektur.
Die "gebrochene" Moschee konnte ich wenigstens aus dem Autofenster auf dem Weg zu einem halben Badetag am Schwarzen Meer sehen, aber der Freund, der uns mitnahm, war nicht bereit, anzuhalten. Angeblich hätten allein An- und Abfahrt über die Autobahnzubringer mindestens zwanzig Minuten pro Weg gekostet. Kann leider gut sein.

Deshalb musste ich mich (erstmal) mit den üblichen Verdächtigen zufrieden geben. Immerhin habe ich die neurenovierte Süleymaniye auch noch nicht gesehen. Leider konnte ich keine Veränderung erkenne, dazu ist meine Erinnerung zu verwaschen. Es heißt ja, die wahnsinnig gute Akustik, die Sinan geschaffen habe, sei durch die Renovierung zerstört worden. Wäre schade, anderseits wird unter dieser Kuppel wohl ohnehin nie Musik gespielt werden.
Vor Jahren (in vor-Blog-Zeiten) war ich mal in einer Ausstellung in Istanbul, wo in  einer Installation die bemalten Innenwände von Moscheekuppeln in eine nachgebaute Kuppel projiziert wurden. Auf dem Rücken liegend konnte man dann Kuppel genießen. Schade, dass ich das für den Blog nicht zumindest nach fotografieren kann. Als Frau und Nicht-Muslima komme ich fast nie direkt unter die Kuppel.
Trotzdem: ich will die anderen modernen Moscheen auch noch kennenlernen. Erwähnte ich schon, dass ich einen Moschee-Tick habe?

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