Modestadt Istanbul

Wenn man Zeit im Urlaub haben möchte, sollte man keine Dienstmails lesen. Wenn man Dienstmails liest, sollte man auf die Mails von Kollegen, die schreiben "Wir müssen uns unbedingt zusammensetzen, aber nicht diese Woche, da bin ich in Istanbul" nicht antworten: "Prima, ich auch." Wenn man es doch tut, sollte man sich nicht wundern, wenn man mit zwanzig deutschen Textildesign-Studentinnen erst an der Mimar Sinan Universität im Fachbereich Textilkunst landet und anschließend in der Werkstatt einer Lederdesignerin in Nişantaşı. Vor allem die Modedesignerin war für mich interessant, auch wenn ich mich schlagartig in der Rolle der Übersetzerin wiederfand. Und das bei meinem grausam eingerosteten Türkisch. Einziger Trost: Die türkischestämmige Studentin, die dabei war,noch hilfloser war. (Ich wusste, dass es kein Kompliment war, als ich am Flughafen Wasser kaufte und die Verkäuferin nach hinten rief "Bringt mal Kleingeld, diese Almancilar haben wieder nur große Scheine!")

Die Designerin Hatice Gökce macht vor allem Männermode, darunter unglaubliche Dinge mit seldschukischen Mustern - sehen als Kunstwerke klasse aus, aber läuft wirklich jemand mit seldschukischen Baudekor auf Schuhen, Strümpfen, Hemd und Jacket rum? Ich meine, "wandelnde Karanvanserail" ist doch nicht unbedingt ein Kompliment, auf das man es anlegen muss, oder? Gar nicht erst als Mode, sondern schon als Kunst geplant sind ihre Lederarbeiten, "Das Lederzeitalter", wo sie fast ausschließlich aus schwarzem Leder Kostüme entworfen hat, die auf Muster großer vor-islamische Kulturen Anatoliens zurückgreifen und auch die Stärken der Kulturen symbolisieren sollen: Urartu und die Hethiter, Assyrer und Phryger. Das schwarze Leder und die Tatsache, dass das Symbolische, das sie bei diesen Kulturen betonen möchte, hauptsächlich kämpferisch ist, führte dazu, dass ich mir einige der Stücke wunderbar auf dem Istanbuler CSD nächsten Sonntag vorstellen konnte. Aber ich will nicht lästern: Ich war durchaus beeindruckt von der Art, wie sie Leder und Fell zu abstrakten Mustern verschränkt, wie sie hethitische und assyrische Reliefs in Leder prägt und welche Vielfalt die Muster in sich und in ihrem ungewöhlichen Material haben. Nicht, dass ich es mir je leisten könnte, aber wenn sie mal einen Frauenblazer entwerfen würde, wäre ich sicher in Versuchung. 

Interessant war aber auch, was "Modestadt Istanbul" aus Sicht der Mimar Sinan Universität bedeutet: Entwürfe und Arbeiten, die die Westorientierung der Türkei betonen und zeigen, dass Rückgriffe auf die Tradition (möglichst die vor-islamische, ganz bestimmt aber nicht die osmanische) nur dazu dienen, auf Modemessen in Italien, den USA oder Shanghai (ist China der neue Westen?) zu brillieren. Das riesige Feld der islamischen Mode, die für viele in der Türkei bestimmt der wichtigere Markt ist und ganz bestimmt die höheren Wachstumsraten hat, wurde genauso wenig angesprochen wie die dunkle Seite der Modestadt, in der Arbeitsrechte und Arbeitssicherheit derjenigen, die im Akkord nähen, sowenig gesichert sind wie in gewissen Kohlengruben an der Ägäisküste...

Fotos von Istanbuler Straßenmode folgen in den nächsten Tagen.

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