Geschichtliches - Heutiges

Über die Feiertage kommt man auf die seltsamsten Ideen, Zeit totzuschlagen. Zumindest ist das eine gute Erklärung, warum ich mich bereit erklärt habe, mit in den "Medicus" zu gehen. Gleich vorneweg: Ich lese alles. Alles. Egal, wie schlecht es ist, und ich fand das Buch sogar ganz gut. Aber ich mag keine Historienfilme und dass es schon in einer Rezension hieß, dass die gute historische Recherche des Buches im Film völlig unterginge, hatte mich schon misstrauisch gemacht. Es sollte schlimmer kommen.
Zuerst einmal zieht der Waisenjunge Rob ganz nett mit dem Bader durch die englischen Dörfer und lernt das, was man im 11. Jahrhundert in Europa eben so unter Medizin verstand. Dabei trifft er auf eine Gruppe Juden, von denen ihn einer mit seiner Heilkunst beeindruckt. Dass englische Juden im 11. Jahrhundert in Jurten durch die Gegend zogen, ist etwas irritierend, aber vielleicht haben sie die ja in Kasachstan gekauft, als sie als ewig wanderndes Volk da mal vorbei kamen. Der Heilkundige war offensichtlich auch mal im fernen Isfahan vorbeigekommen und hatte dort beim berühmtesten Arzt der Zeit, Ibn Sina, sein Handwerk gelernt.
Fasziniert macht Rob sich - aus unerklärlichen Gründen über Kairo - auf den Weg nach Persien. Meine Geographiekenntnis sagt zwar, dass jemand, der sich von Kairo aus monatelang durch Sanddünen kämpft, am Ende in Timbuktu landet (was in Sachen islamische Gelehrsamkeit auch kein schlechter Ort gewesen wäre!), aber er schafft es nach Isfahan. Sei ihm gegönnt, auch wenn ich mir natürlich ein paar Steppenbilder gewünscht hätte. Während er dann da in der aufgeklärten Madrasa Medizin studiert, sammeln sich draußen die bösen Mullahs, die alle so aussehen, als wären sie al-Qaida-Videos entsprungen und auch so reden. Wie sollten Muslime, noch dazu persische, auch sonst sein? Allenfalls noch etwas weinerlich-betrunken-grausam wie der Schah, der sowohl  menschlich als auch politisch unfähig ist.
Und so kommt es, wie es es - wenn schon nicht in der Geschichte, so doch in der post-9/11-Filmförderung - kommen muss: Die Fanatiker zerstören den Hort der Aufklärung, der islamische Aufklärer begeht Selbstmord und bittet den hehren Westler am Ende, sein Erbe in den Westen zu tragen. Was der natürlich mit Bravur tut. Im 11. Jahrhundert. Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Erschreckender Weise wird sie das vermutlich auch.

(Und ich habe mich mal beschwert, dass es in Bakuer Kinos nur die Twilight-Saga gibt - aber es kann ja immer noch schlimmer werden.)

Kommentare