Ich will auch mal Reisebloggerin sein



Tbilisi kommt in diesem Blog immer zu kurz, obwohl ich da eigentlich sehr oft bin. Aber eben immer nur auf der Durchreise oder für eine Südkaukasuskonferenz, die ja nirgendwo sonst als in Georgien stattfinden kann - und dann verschleppe ich den Beitrag solange, bis ich ihn ganz vergessen habe.
Das ist unfair, denn Tbilisi ist schön. Prunkvolle Bauten aus der Zeit als Hauptstadt der russischen Kolonie Südkaukasus, baumbestandene Straßen, ein Fluss, eine verwinkelte Altstadt, Kirchen, Kneipen, Basare, nette Menschen (sogar Touristen!), spannende Museen, das alles umgeben von sympathisch gewellten Bergen – perfekt. Tbilisi nicht zu mögen, ist ein Charakterfehler. Und es ist nicht so, dass ich es nicht mag. Wirklich nicht. Immer wieder, wenn ich aus Baku komme bin ich froh, hier zu sein. Zu allen anderen Vorteilen ist es nämlich außerdem auch noch billiger, der Verkehr nicht ganz so schlimm wie in Baku und der Wein besser.Aber nach drei Tagen ist mir alles zu nett und die Berge um die Stadt werden erdrückend. Deshalb bleibe ich in der Regel nicht länger- und selbst diese drei Tage verbringe ich erschreckend häufig in Konferenzräumen.
Stadtgründer David hoch zu Ross mit Kirche -
Kirche und Staat gemeinsam wie es sich für Georgien gehört
Eine Freundin, die hier seit ein paar Jahren lebt, meint, ich solle mal drei Monate bleiben, dann wäre es mit dem „nett“ auch bald vorbei. Vielleicht mache ich das mal. Bis dahin genieße ich die Tatsache, dass ich in Tbilisi mal Touristin sein kann: Nicht zu viel Hintergrundwissen über soziale und politische Probleme (ich kann sogar die vielen bettelnden Frauen und Kinder fast sozialromantisch sehen: hier werden sie wenigstens nicht sofort verhaftet...), keine Ahnung von sachgerechter oder unsachgerechter Renovierung und Gentrifizierung.  Auch mal sehr schön - un deshalb geeignet für einen "Ich will auch mal Reisebloggerin sein" - Post.
Heute aber mal ein paar weitgehend unkritische Worte. Tbilisi ist die ideale Stadt für Südkaukasus-Einsteiger. Nicht nur wegen der oben schon genannten Vorteile. Ich genieße es die Hauptstraße der Altstadt hinunter zum Fluss zu gehen und mich allein schon darüber zu freuen, dass es Bäume und Schatten, bezahlbare Imbisse und Souvenirläden zum Herumstöbern gibt - alles so Kleinigkeiten, die es in Baku kaum und in Jerewan auch nicht viel mehr gibt. Da ist der kleine Laden mit dem besten Eis im Südkaukasus fast schon zu viel der Dekadenz. Der Prachtboulevard Rustaveli zeigt russisch-kolonialen Glanz und sowjetische Repräsentationsbauten (die ich hier eben alle nicht bearbeiten muss...)
Ja, die neue Brücke ist im Gesamtbild der Stadt eine Katastrophe und zerstört jegliches einheitliches, nettes Altstadtbild. Wahrscheinlich habe ich deshalb eine gewisse Schwäche für sie. Zumindest aus der Perspektive.
Zu den ebenfalls touristenfreundlichen Besonderheiten Tbilisi gehört, dass sie inzwischen fast alle entscheidenden Schilder in der weiteren Innenstadt auch in lateinischen Buchstaben haben. Das haben die anderen beiden Städte zwar inzwischen auch weitgehend (oder zumindest noch in kyrillisch) aber in Tbilisi war das noch vor ein paar Jahren ein echtes Problem. So toll ich die "Tbilisi-Metro für Analphabeten"-Wegbeschreibungen meiner Freundin fand - es ist schon bequemer, die Stationen selbst lesen zu können, statt sich an Beschreibungen halten zu müssen wie:
Schön renovierte Häuser und endlich auch lateinische
Schriftzeichen (hier nicht so nötig, die Kriminalität, von der
Ausländer betroffen sein können, ist gering.)
 Am Bahnhof fährst du zwei Stationen in die Richtung, wo noch mehr Stationen sind als in die andere, und dann steigst du um in die andere Linie, die da Endstation hat und fährst eine Station." Aber andererseits sollte man in Tbilisi auch gar nicht so viel U-Bahn fahren, die Innenstadt ist zwar weitläufig lohnt sich aber zum Spazierengehen. Und wenn man gar nicht mehr weiß, wo man ist, kann man immer noch ein ebenfalls nicht allzu teures Taxi nehmen (am besten vorher bei Einheimischen fragen, wie viel sie zahlen würden und den Fahrer auf die Zwischensumme zwischen dem, was er will und dem, was man als Maximum gehört hat, handeln...)
Da ich bisher (außer bei einem sehr kurzen Aufenthalt im März) in Tbilisi noch nie schlechtes Wetter hatte, habe ich eine Besonderheit noch nicht ausprobiert: die heißen Schwefelquellen, die sogar in der Gründungssage der Stadt so eine entscheidende Rolle spielen. Soll sich aber lohnen.
Für die, die Tbilisi wie ich hauptsächlich als Umsteigebahnhof nutzen: Marshrutkas nach Yerevan (5-6 Stunden) gehen vom Busbahnhof Ortach'ala ab (besser nach den Yerevan Bussen direkt fragen, wenn man ein Taxi nimmt -ich zumindest kriege die Aussprache doch nicht hin!), Marshrutkas nach Aserbaidschan vom Bahnhof (etwas über eine Stunde zur Grenze, auf der anderen Seite bekommt man dann einen Bus nach Ganca oder Baku).

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