Gəncə - Ganca - Ganja

Nun also doch ein Post zu Ganca (oder wie auch immer gerade die aktuelle Umschrift des aserbaidschanischen Gəncə gerade sein mag.) Nach neunstündiger Nachtfahrt im Liegewagen (für 350 Kilometer - die letzte Überarbeitung der Transkaukasischen Eisenbahn soll durch deutsche Kriegsgefangene erfolgt sein...), kam ich leidlich ausgeruht und durch meine Mitreisenden bestens informiert über die Probleme aserbaidschanischer Gastarbeiter in Russland morgens in Ganca an.
Ganca ist vor allem als Heimatstadt des aserbaidschanischen Nationaldichters Nizami Gancavi berühmt, der von ca. 1141 bis 1209 in Ganca lebte. Eigentlich schrieb er Persisch und was er im Alltag sprach, wird nie herauszubekommen sein. Vermutlich eine bunte Mischung aus Persisch und einer Turksprache, deren Ähnlichkeit mit dem heutigen Aserbaidschan besser nicht näher untersucht werden sollte. (Ich habe einmal gewagt, so etwas bei einer geschichtlichen Führung zu Aserbaidschan zu sagen und bekam von einer Deutschen (!) eine Beschwerde wegen Rassismus auf den Hals, weil ich die Existenz des aserbaidschanischen Nation und Sprache im 12. Jahrhundert geleugnet hätte. Tue ich. Die der deutschen Nation und Sprache in der heutigen Form übrigens auch.) 
In Ganca ist der große Sohn der Stadt aber ziemlich allgegenwärtig, in Denkmälern, Wandbildern, Bauzäunen - nur an sein Mausoleum kommt man gerade nicht ran, weil es renoviert (sprich: gigantisiert) wird. Was ich aus dem Busfenster sah, lässt das schlimmste befürchten.

Nizami-Werkillustration der "Sieben Schönheiten"an einer Hauswand

Das Bauzaunbild stammt noch aus meinem kurzen Aufenthalt in Ganca im Mai 2012.
Der Zaun gibt es zwar noch, aber er ist so stark ausgebleicht, dass ich froh bin, das alte Bild noch gefunden zu haben.
Nizami vor sowjetischem Hotelklotz (ein paar Etagen sind übrigens noch in Betrieb - für Touristen mit kleinem Geldbeutel und Sehnsucht nach dem echten Sowjetgefühl: mit Etagendrachen äh -damen und keinem überflüssigen Luxus.
Abgesehen von Nizami in allen möglichen und unmöglichen Formen sind in Ganca noch die kleinen Häuser aus unverputzten Ziegelsteinen auffallend, die in so deutlichem Gegensatz zur Bakuer Sandstein-Architektur stehen. Eine ganze Straße dieser Bauten ist Anfang der 1990er Jahre als Fußgängerzone restauriert worden und hat nun einen ganz eigenen, etwas un-aserbaidschanischen Charme. Schade nur, dass die neuen Prachtbauten ganz Bakuer Stil sind statt die offensichtliche Tradition aufzugreifen. Damit hätte man ja auch noch was machen können.

Muss man nach Ganca? Ehrlich gesagt: Nicht unbedingt. Die Nordroute über Sheki nach Georgien ist landschaftlich wesentlich schöner und viel hat die Stadt nicht zu bieten. Aber sie ist ein guter Ausgangspunkt zu Ausflüge zu den ehemaligen deutschen Dörfern in der Region. Zu denen das nächste Mal mehr.

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