Nationalismus und Gastfreundschaft

Es gebe es hiermit offen zu: Es gibt Momente, an denen ich verstehe, warum sich die Türkei mit der Anerkennung des Genozids an den Armeniern 1915 so schwer tut. Grundsätzlich ist mir ja nicht klar, was so problematisch daran sein soll, zuzugeben, dass eine türkische Regierung, die nichts mit der jetzigen zu tun hat, einen Genozid angeordnet hat und dass sehr, sehr viele Türken, aus den unterschiedlichsten Gründen von tatsächlichem Hass über dem Wunsch, sich an armenischem Eigentum zu bereichern, bis hin zur Feigheit mitgemacht haben. (Ich bin ein deutsches Kind der 1970er und 1980er – ich bin überzeugt, dass die Anerkennung von Kollektivschuld keinen Kollektiv-Psychologischen-Schaden anrichten muss.)

Aber dann fahre ich in Jerewan Taxi und der Taxifahrer um die vierzig erzählt von „Westarmenien“, wo er herkommt (aber nie war), von der wunderschönen und reichen Stadt Erzurum, die natürlich zu Armenien gehört und die sie eines Tages wieder haben werden und er das Haus seiner Familie dort. Eine Kollegin erzählt ganz ernsthaft, ihr Urgroßvater habe in einem Garten bei Sivas einen Goldschatz vergraben, und alle in ihrer Familie wüssten genau wo, sobald Sivas wieder zu Armenien gehören würde, könnten sie in ausgraben. Ein Nachbar hat seine erste Tochter „Ani“ genannt und plant die weiteren Kinder auch nach verlorenen armenischen Provinzen zu nennen, um klar zu machen, dass er die Hoffnung auf Rückkehr nicht aufgibt (ich hoffe, seine Frau streikt, bevor er bei „Kilikia“ angekommen ist – das arme Kind würde dann mit dem Namen einer der wichtigsten Biersorten des Landes durchs Leben gehen…). Stalin soll mit dem Wunsch der Armenier nach der Rückkehr in die Gebiete, die ihre Familien 1915 verlassen haben, Politik gemacht haben, und Ende der 1940er Jahre Diaspora-Armenier mit dem Versprechen, bald würde die Region zur Sowjetunion gehören, nach Armenien (zurück?)gelockt haben. Überflüssig zu sagen, dass sich viele nicht in der Türkei, sondern in Sibirien wiederfanden. Auch diese Erinnerung hängt nach und geistert noch als Vorstellung der großen Opfer, die für  "Westarmenien" gebracht wurden und die den Anspruch verfestigen, durch manche Geschichten. Und immer wird die Anerkennung des Genozids mit der Rückgabe dieser doch sehr großen Teile der Türkei gleichgesetzt. Die Vorstellung, dass dieses Gebiet nun mal Teil eines Vielvölkerstaates war, in dem – möglicherweise nach Dörfern getrennt – Armenier, Griechen, Türken, Kurden, Araber lebten, ist ebenso wenig präsent wie in der Türkei.
In dieser Hinsicht hat mich auch das armenische Nationalmuseum zutiefst fasziniert: Es ist wirklich phantastisch, was man mit einer soliden Sammlung und gigantischem Nationalbewusstsein anstellen kann. Seldschukische Keramik, kaukasische (Drachen-)Teppiche, qadscharische Lackarbeiten – alles armenisch. Und nur armenisch. Vielvölkerstaaten, gegenseitige Beziehungen, Austausch? Nix da. Armenien gegen den Rest der Welt und sowieso als einzige Kultur der Welt. Immerhin hat sich bei der Betrachtung der Metallarbeiten auch das Problem gelöst, ob die Arbeiten aus Buchara nun eher usbekisch oder tadschikisch sind. Sie sind natürlich armenisch. Mir ist klar, dass meine Fassungslosigkeit vor allem damit zu tun hat, dass ich das erste Mal in einem postsowjetischen Museum dieser Art war. In Zentralasien, ja selbst in Baku, sind die Ausstellung immer noch sehr sowjetisch geprägt. Nun weiß ich, womit zu rechnen ist, wenn auch da umgebaut wird.
Dass doch nicht alles Armenisch sein muss, bewies meine Nachbarin, die mich im Hausflur abpasste und zum „türkischen Kaffee“ einlud. Auf meinen fassungslosen Blick, den sie völlig richtig deutete, lachte sie nur: Ist doch egal, woher der Kaffee nun kommt. Willst du einen? Wir haben auch armenische getrocknete Früchte mit Schokoladenüberzug. Und georgischen Wein. Es wurde ein netter Abend.

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