Gewitterstimmung


Heute hing eine spürbare Spannung über der Stadt: Polizei an allen Hauptstraßen. Männer (wenige Frauen) mit armenischen Fahnen. Kameras. Sirenen. Dazu passend schwarze Wolken und Donnergrollen im Hintergrund.
Wie ich dann erfuhr, wurde heute der neue, alte Präsident Armeniens, Sargsian, (wieder) ins Amt eingefuehrt. Es sagt einiges über die Meinung der jungen Generation und gerade derer, die sich als politisch aktive Zivilgesellschaft empfinden, und mit  denen ich in den letzten Tagen viel gesprochen habe, dass keiner auf die Idee kam diese Kleinigkeit mir gegenüber zu erwähnen. Ebenso wenig wie die Kundgebung des Gegenkandidaten Hovannisian, der seit Ostern immerhin nicht mehr im Hungerstreik ist. Das Ergebnis war, dass ich völlig uninformiert über den Opernplatz stolperte. Bei aller Begeisterung, den Platz aller  armenischer politischer Kundgebungen von den Karabach-Protesten 1988 bis zu den letzten Wahlauseinandersetzungen 2008 auch mal als politischen Ort zu erleben, hätte ich gerne doch vorher gewusst, worum es ging – und nicht erst, als Hovanissian mit einer Phalanx aus Leibwächtern und Bewunderern frontal auf mich zu steuerte. Ich hoffe, die strahlenden Auftritte des Oppositionskandidaten werden weder im nationalen noch im internationalen Fernsehen allzu ausführlich gesendet – das Bild wie ich panisch im Zick-Zack versuche, mich zwischen Kameras und Star in Luft aufzulösen, müssen nicht weiterverbreitet werden.
Zwischen Party und Gewitter - Opernplatz heute Mittag
Aber im ganzen war ich schon beeindruckt, dass bei aller Polizeipräsenz doch sehr viel offene Opposition möglich war: Einmal gab es die große Kundgebung auf dem Opernplatz, die wahrscheinlich schon wegen des Wetters nicht ganz so groß war, wie sicherlich gewünscht, und außerdem hauptsächlich von älteren Menschen besucht war. Abgesehen von einigen jungen Menschen mit armenischen Fahnen sind Hovanissian-Anhänger oft aeltere Menschen und machen einen für Jerewaner Verhältnisse in der Regel einen ärmeren Eindruck. Zum anderen begegnete ich zwei kleineren, dafuer sehr heftigen Protesten, diesmal vor allem von jungen Menschen, die gegen die nach ihrer Sicht unfairen Wahlen protestierten (die OSZE hatte nur "Zweifel" an der Fairnis der Wahlen und auch das wohl erst nach Protesten). In diesen Faellen hatte ich zwar das Gefuehl, dass es ungefaehr doppelt so viele Journalisten wie Demonstranten und dann noch mal so viele Polizisten wie Journalisten waren. Aber dennoch: Nach Erfahrungen in anderen Laendern (hier gerade mal nicht zu nennen), fand ich doch die Demonstrationskultur ganz beeindruckend. Muss in den naechsten Tagen mal rumfragen, ob es Verhaftungen gab.

Auch ich konnte mich völlig frei bewegen: Niemand hielt mich je an, fragte mich nach meinem Pass oder verbot mir das Fotografieren – dass trotzdem kaum anständige Bilder rausgekommen sind, war meine Schuld. Ich bin immer noch sehr Baku-geprägt was die Angst vor Hantieren mit der Kamera in der Nähe von Polizei angeht).

Dennoch bleibt das Gefuehl, dass es einen grossen Spalt zwischen der offiziellen Politk und den vielen kleinen politisch aktiven Organisationen und Personen gibt.  „Unsere Politiker sind alle noch nicht wirklich reif für eine Demokratie. Vielleicht werden sie es irgendwann, aber solange müssen wir uns eben unsere eigene Demokratie schaffen,“ erklärte mir neulich eine Kollegin. Das ist noch die intellektuelle Variante des normalerweise verwendeten „Sowieso alles Verbrecher!“ - Aber ob es eine richtige, reife Demokratie in einer unreifen geben kann? Bald mehr zur Zivilgesellschaft.

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