Genozid Gedenktag

Dies ist wieder einer dieser Beiträge, die eigentlich sehr viel ausgefeilter sein müssten um dem, worüber ich schreibe, gerecht zu werden. Aber gleichzeitig muss er heute eingestellt werden, denn heute ist offizieller Gedenktag an die Opfer des Genozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, besonders in den Jahren 1915/16. Und überhaupt: Was kann man schreiben, um einem Genozid gerecht zu werden?
Genozid-Denkmal in Jerewan
Deshalb in eher dürren Worten: Am 24. und 25. April 1915 hatten die ersten Deportationen von armenischen Intelektuellen aus Istanbul (damals noch Konstantinopel) stattgefunden. Angeblich waren die christlichen Armenier als (potentielle) Spione eine Gefahr für das sich im Krieg befindende Osmanische Reich. Angesichts der  Tatsache, dass das Osmanische Reich mit dem christlichen Deutschland und den Habsburgern verbündet war, zieht das reliogiöse Argument damals wie heute allerdings nicht so recht.
Ab Mai 1915 folgten dann Deportationen ganzer armenischer Gemeinden vom Gebiet der heutigen Türkei, aber auch aus dem heutigen Syrien und dem Libanon in die syrische Wüste. Viele überlebten die Märsche nicht, andere starben in den Lagern, aber auch gezielte Massaker von Seiten des Osmanischen Militärs fanden statt.
Wie viele Armenier, die auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches lebten, den Morden und Todesmärschen zum Opfer fielen, wird nie ganz zu klären sein, da wenig Zahlen existieren, wie viele vor 1915 genau wo lebten (auch wenn die Angaben auf den Schautafeln im Genozid-Museum in Jerewan klingen, als hätte man genauste Angaben). An einem Punkt ist es auch kaum wichtig, ob es 1 Millionen oder 1,5 waren: Die Tatsache, dass es sich um die planmäßige Vernichtung einer religiösen und ethnischen Minderheit handelte, die man nicht als „kriegsbedingt“ entschuldigen (was bitte wäre daran auch entschuldigend???) kann. Deutschland blieb still, obwohl schon früh Deutsche, vor allem deutsche Geistliche wie Johannes Lepsius, dafür sorgten, dass man in Deutschland wusste, was das Verbündete Osmanische Reich hinter den unmittelbaren Frontlinien tat. Wie so oft später (und sicher auch früher) erlaubte man Verbündeten schon mal einen kleinen Völkermord.
Heute ist in Jerewan wie in Boston, in Nizza und auch in Istanbul die vierte oder fünfte Generation nach dem Genozid herangewachsen. Die Erinnerung aber ist geblieben und prägt sicher sowohl das Verhältnis zur Türkei, die den Genozid bis heute nicht als solchen anerkennt, als auch das Verhältnis zur Republik Armenien, dem fast schon mythischem Heimatland als Zuflucht - auch wenn die reale Zuflucht für die Überlebenden des Völkermordes wohl doch eher die USA, Westeuropa oder sogar Argentinien war (in ungefähr dieser Reihenfolge).
Das Denkmal für die Opfer des Genozids in Jerewan wurde in den späten 1960er Jahren erbaut, nachdem 1965 zum 50. Jahrestag des Genozids Tausende in Jerewan an dieses Ereignis erinnert hatten. Es liegt auf einem Hügel über der Stadt, aber doch etwas abgelegen. Nur einmal im Jahr – eben heute – wird es richtig voll, wenn Pilger aus dem ganzen Land kommen, um hier Blumen niederzulegen. Als ich vor ein zwei Wochen dort oben war, hatte ich den Platz und das Museum praktisch für mich, abgesehen von wenigen Pärchen, die aber ganz offensichtlich nicht zum Gedenken dort hoch gekommen waren. Es wunderte mich deshalb auch nicht, dass einige Studentinnen, die ich in einem Seminar bat, auf Stadtplänen einzuzeichnen, welche Orte in Jerewan sie in welcher Weise nutzen, das Genozid-Memorial als „fun place“ markierten…


Genozid-Museum in Jerewan. Eindrucksvoll, auch wenn etwas weniger Kirchen-
Symbolik und etwas mehr Beschriftungen für ausländische Besucher nicht schlecht
wären. Und mit "ausländische Besucher" meine ich auch Nicht-Diaspora - Armenier

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