Kirchliche (Miss)Verhaeltnisse


Am Ostersonntag teilte mir die armenische Kirche per sms mit, dass Christus auferstanden sei. Nennt mich konservativ, aber ehrlich gesagt, finde ich die frohe Botschaft doch über Glocken netter verbreitet. Und ja – armenische Kirchen haben Glocken, ich habe es noch am selben Tag geklärt. Allerdings höre ich sie hier seltener als in Baku den Muezzin (das kommt da zumindest einmal die Woche schon mal vor).
Bei der Frage nach den Kirchen in Jerevan zeigt sich ein verblueffendes Missverhaeltnis: Der kostenlose Tourismusführer, den ich irgendwo mitgenommen habe, listet ganze zwölf Kirchen auf, davon eine russisch-orthodoxe und eine evangelikale. Im deutschsprachigen Reisefuehrer kommen auf die zehn Kirchen allerdings fast der Grossteil der Jerewan-Seiten. Trotzdem: Zehn Kirchen für eine Stadt mit etwas über einer Millionen Einwohnern? Ein kurzer gedanklicher Spaziergang durch den mir vertrauten Berliner Südwesten ergab, dass ich für Yerevan – älteste Staatskirche der Welt hin, religiöse Wiederbelebung her − nun nicht unbedingt von einer Überdosis armenisch-orthodoxer Orte sprechen würde. Interessanterweise ist das eine ausgesprochen ketzerische Meinung, die ich armenischen Freunden gegenüber besser nicht äußere. Die Kirche und ihre Bauten sind hier ungefähr so beliebt wie Diaspora-Armenier, wenn sie sich in die Stadtgestaltung einmischen. So höre ich öfters, dass Jerewan heute voller Kirchen wäre und dass diese Masse an Kirchen öffentlichen Raum reduziere. Parkplätze reduzieren öffentlichen Raum, die Fahrweise mancher Autofahrer reduziert auch gleich noch die Öffentlichkeit und meinetwegen reduzieren auch Cafes in Parks die Möglichkeit, sich in nicht-kommerziellen Räumen zu treffen, aber die zehn Kirchen?  
Tatsächlich knallen aber gerade bei Kirchenbauten die Meinungen hier aufs heftigste aufeinander.Besonders heftig knallte es, als die armenische Kirsche selbst beschloss, ein kleines Kirchlein, die älteste Kirche Jerewans für einen größeren Kirchbau und eine neue Residenz des Katholikos abzureißen. Besonderen Charme bekommt die Geschichte noch dadurch, dass das Kirchlein angeblich von Stalin persönlich aus Denkmalsschutzgründen in den 1930er Jahren vor dem Abriss bewahrt wurde und seitdem im Hinterhof eines wissenschaftlichen Instituts (jeder erzählt mir eine andere Fakultät) stand. Die Wissenschaft musste der Residenz des Katholikos weichen  und die kleine Kathoghike wird nun zur Seitenkapelle einer großen Kirche – natürlich bezahlt von einem Diaspora-Armenier.
Kathoghike Baustelle, April 2013

Ich mag das Beispiel ja besonders, weil ich mir immer vorstelle, was europäische Medien schreiben würden, wenn in einem islamischen Land eine Universität einem Moscheebau und einem Palast für einen Imam weichen müsste. Aber hier freut sich das Ausland doch über die Wiederkehr der Kirche nach dem Ende der Sowjetunion..

Kommentare