“Stoppt die Ermordung unserer Soldaten“



“Stoppt die Ermordung unserer Soldaten“. Nein, die Menschen, die das dieses Wochenende auf dem Fountain Square in Baku forderten, meinten nicht die armenische Armee und die immer wieder aufflackernden Schießereien an der Waffenstillstandslinie, die Soldaten beider Seiten töten, sie meinten die oft tödlichen Misshandlungen innerhalb der eigenen Armee durch Vorgesetzte und Gleichrangige, der im Jahr nach allen Schätzungen mehr junge Soldaten zum Opfer fallen als in Kampfhandlungen getötet werden. Worüber sonst nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, wurde nun von mehreren tausend Demonstranten (die Zahlen variieren, aber die Bilder sind auf jeden Fall beeindruckend) offen kritisiert und Konsequenzen von Seiten der Regierung gefordert. Ausgelöst wurden die Proteste, als die Mutter des 18jährigen Ceyhun Gubadov Fotos öffentlich machte, die die Leiche ihres Sohnes mit massiven Kopfwunden zeigten – nachdem er angeblich in der Kaserne an einem „Herzinfarkt“ gestorben war. (Irgendjemand kommentierte, dass das nicht mal falsch sein müsse – bei derartigen Verletzungen würde tatsächlich das Herz versagen können.) Ein Vater berichtet gleich von zwei Söhnen, von denen der eine in der Kaserne tödlich, der andere schwer verletzt wurde. Sie fordern eine Aufklärung dieser Fälle und Bestrafung nicht nur der Täter, sondern auch derer, die für die Vertuschung der Morde verantwortlich sind.
Da ich leider gerade nicht in Baku bin (wie immer wenn es spannend wird – grrr!) habe ich in den letzten Tagen viel Zeit im Internet verbracht. Hier nun meine Ergebnisse in Kürze:
Die Polizei ging (laut den meisten Quellen) ungewohnt vorsichtig mit der für sie auch ungewohnt großen Menge an demonstrierenden Menschen um – es ist natürlich auch nicht ganz einfach, auf ältere Männer und Frauen mit aserbaidschanischen Fahnen und Bildern von Soldaten einzuschlagen. Dennoch wurden die Demonstranten immer wieder von den Hauptplätzen und Straßen abgedrängt (was aber auch heißt, dass sie wohl immer wieder zurückkamen) und einige üble Verhaftungsbilder finden sich auch. Interessant fand ich eine (zumindest für mich neue) Reihe Fotos, die offensichtlich gezielt Zivilpolizisten mit Kameras zeigten, und die weit über facebook verbreitet wurden. Gut zu wissen.
Interessant war auch ein Artikel einer staatlichen Zeitung: Hier ging es nur um die Soldaten, die während ihrer Zeit in der Armee getötet wurden. Ohne entsprechendes Hintergrundwisssen kann es sich auch um an der Waffenstillstandslinie Gefallene handeln und das Ganze als anti-Armenische Demonstrationen gelesen werden. Die Macht der Sprache und des Auslassens beeindruckt mich immer wieder. 
Die Bilder im Internet zeigen zwar doch wieder vor allem junge Männer zwischen 20 und 30 bei den Demonstrationen (und manch bekanntes Gesicht), aber trotzdem: Das erste Mal scheint ein Protest auch Schichten in Aserbaidschan (oder zumindest in Baku) erreicht zu haben, denen die Teilnahme an Demonstrationen sonst fern liegt. Und trauernde und wütende Mütter können unangenehm werden für ein Regime. Das aserbaidschanische wäre nicht das erste, das so gezwungen wird, Fragen zu beantworten, die es lieber vermieden hätte. Da wird es auch nicht helfen, dass sie noch im letzten Jahr die Versammlungsfreiheit weiter eingeschränkt haben (kaum zu glauben, dass das noch möglich war!) und die ersten Demonstranten auch schon deswegen zu Geldstrafen verurteilt haben. Das neue Jahr mit den Präsidentschaftswahlen im Herbst fängt nicht gut an für die aserbaidschanische Regierung.

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