Die Vielfalt der Oberschicht


Iran, abbasidisch
Nachdem die Dahlemer Islam-Ausstellung so oft mit der fast gleichzeitig eröffneten Ausstellung des Metropolitan Museum in New York verglichen wurde und dabei immer schlecht wegkam, war ich nun sehr gespannt auf diese. Wie schafft es eine reine Kunstausstellung so optimal die Lebenswelten der Muslime rund um die Welt in ihrer Vielfalt darzustellen, ohne in religiöse Klischees zu verfallen? Zuerst einmal: Ja, es gelingt. Unter der Vorgabe, dass alle Muslime, die irgendetwas mit den ausgestellten Objekten zu tun haben, seit mindestens 200 Jahren tot sind und zu ihren Lebzeiten zu einer kleinen, extrem reichen Oberschicht gehörten. Dann entfaltet sich in den Räumen des Met tatsächlich eine wunderschöne, unglaublich vielfältige Welt aus umayyadischen Kaligraphien, seldschukischer Keramik, mamlukischen Glasarbeiten, timuridischen Miniaturen, safawidischen Teppichen. So vielfältig und reich, dass ein ganz unbedarfter Besucher sich vielleicht wirklich fragen würde, warum diese Objekte zusammengestellt worden sind, denn der Islam wird als einendes Band kaum erwähnt (das war durchaus ein Lob in vielen Besprechungen). Fragt sich dann nur, warum die persischen Objekte nicht zu den antiken Funden aus Persien gestellt wurden, die arabischen zu den arabischen, die osmanischen zu der griechisch-römischen Antike und der Byzantinistik.  Wäre ja auch mal eine Idee gewesen und das das Met hätte als eines der wenigen Häuser dieser Welt auch die Sammlungen für ein solches Experiment. Stattdessen entstand eine Islamausstellung weitgehend ohne Erwähnung des Islam. So kann man auch dem Vorwurf der Verbreitung von Klischees entgehen.
Mamlukische Glasware
Die heutige Welt der Muslime sucht man vergebens. Nix zu den Debatten um den Moscheebau am Ground Zero, nicht zu den schwarzen Muslimen, die doch gerade in den USA so eine wichtige Rolle spielen. Nein, eine Kunstausstellung muss das nicht bieten. Niemand erwartet von einem Museum für christliche Kunst, dass es in seine Ausstellungen Stellungnahmen zum Missbrauch durch katholische Priester abgibt, obwohl auch dies ein Weltskandal ist, der so viel und so wenig mit der christlichen Kunst des Mittelalters zu tun hat wie der islamische Terrorismus mit der Kunst des islamischen Mittelalters. Aber wenn eine Ausstellung für ihre Darstellung der Vielfalt muslimischer Lebenswelten gelobt wird, erwarte ich nicht nur tote Oberschicht.

Klischeefreier Umgang mit muslimischen Lebenswelten.
Klar, so sieht das durchschnittliche Wohnzimmer im Orient doch aus, oder?
Etwas lebendig Oberschicht gab es dann doch noch: Die Stiftertafel zeigte mit türkischen, armenischen, iranischen und arabischen Namen noch einmal die Vielfalt islamischer Kunst(sammler). Das sind dann sicher auch die, deren Lebenswelt hier dargestellt wird: Die der Menschen, die ihre Wohnzimmereinrichtung bei Sotheby’s kaufen. Irgendwo müssen die Ölmilliarden ja hinkommen.
 Zugegeben, ich bin enttäuscht, dass alle Ausstellungen islamischer Kunst gleich d.h. wie dreidimensionale Geschichtsbücher aussehen müssen. Trotzdem: es sind auch wirklich sehr schön illustrierte Geschichtsbücher.

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