Der Wert der freien Presse


„Interkultureller Dialog, Bildung und Wirtschaftsboom: Aserbaidschan positioniert sich als Land nicht allein des Aufstiegs, sondern auch des Ausgleichs.“  Tourismusbroschüre? Präsidentenrede? Fast. Zweiseitige Anzeige in einem berühmten deutschen Nachrichtenmagazin, in dem noch vor wenigen Monaten fehlende Presse- und Versammlungsfreiheit, widerrechtlicher Abriss von Häusern in Baku und Korruption angeprangert wurde und jeder, der auch nur regelmäßige Kontakte zum Land unterhielt, unter den Generalverdacht der Käuflichkeit durch Erdöl geriet. "Danke, Anke" hieß es, als Anke Engelke verkündete "Europa beobachtet dich!" Was war Deutschland damals stolz auf seine achso mutigen Medien.
Aber Jubel und Versprechungen verwehen schnell, der Druck muss finanziert werden und eine unterdrückte, käufliche Presse haben ja auch immer nur die blöden anderen, die fern im Osten. Bei uns ist die plötzliche Lobeshymne auf die Diktatur bestenfalls ein bedauerlicher Fehler, entstanden, weil die Marketingabteilung nun mal von der journalistischen Arbeit abgekoppelt ist. Geht ja auch nicht anders und Verantwortung für Anzeigen kann man nun wirklich nicht übernehmen.
Eins muss ich zurücknehmen: Aserbaidschanische Nationalisten haben doch Sinn für Humor. Subtiler, ironischer und geschickter hätten sie die Heuchelei der deutschen Presse, die sich zum unabhängigen Wahrer der Menschenrechte macht und andere für das Annehmen von Ölgeldern verdammt, wohl kaum vorführen können. Als im Mai aserbaidschanische Zeitungen eine Collage u.a. mit Hitler und dem deutschen Botschafter druckten, schämten sich meine aserbaidschanischen Freunde für ihre Medien. Jetzt ist es umgekehrt. Danke, Spiegel.

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