Tag des Sieges

Heute (für Deutschland gestern – die Probleme der Zeitverschiebung!) vor 77 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Während der Erste Mai als Tag der Arbeit hier offensichtlich zu kommunistisch ist, um ihn noch zu feiern, gilt dies für den sowjetischen Sieg über den deutschen Faschismus ganz offensichtlich nicht. So seltsam es manchmal klingen mag, wenn Aserbaidschaner, Usbeken, Kirgisen davon reden, dass die Deutschen ihr Land überfallen und beinahe ihre Hauptstadt eingenommen hätten, so zeigt es doch, dass es irgendwann eine große Identifikation mit diesem sowjetischen Riesenreich gegeben hat und eben manchmal noch gibt. (ok, bei den Aserbaidschanern ist das mit der Hauptstadt nicht ganz so weit hergeholt, immerhin hatten es deutsche Truppen fast durch den ganzen Nordkaukasus geschafft und wollten ans Bakuer Öl).
 Es wird auch leicht vergessen, was dieser Krieg auch in den Sowjetrepubliken anrichtete, in denen er nicht unmittelbar stattfand, aus denen aber doch so viele fielen und so viel der Produktion in diesen Krieg gesteckt wurde. (Ich empfehle an dieser Stelle immer die Novellen Tschingiz Aitmatovs für Kirgistan!). Für Aserbaidschan habe ich jetzt öfter die Zahlen von 700.000 Aserbaidschanern gehört, die im Zweiten Weltkrieg kämpften und von 400.000 Gefallenen. Eine sehr hohe Todesrate, die manchmal damit begründet wird, dass es auch in der sowjetischen Armee Rassismus gab und Nicht-Russen eher in Himmelfahrtskommandos geschickt wurden als Russen. Passt mit den deutschen Geschichten zusammen, dass Berlin von dunklen und schlitzäugigen Truppen eingenommen wurde, bevor die kultivierten Russen langsam nachrückten. Mit denen hatte man dann offensichtlich gleich den Rassismus und die Vorstellung von unterschiedlichen Werten menschlichen Lebens gemein.

Zerstörte Jurte - Denkmal für die gefallenen Kirgisen
in Bischkek
Dieses Jahr hat der Tag des Sieges noch eine unangenehme Komponente: Die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen sind gespannt. Und zwar gespannt in einer Weise, dass eine regierungsnahe aserbaidschanische Zeitung eine Collage mit Hitler, dem deutschen Botschafter und einigen hiesigen Oppositionspolitikern veröffentlicht und bei Beschwerden von deutscher Seite auf die Pressefreiheit verweist. (Einige in meinem Bekanntenkreis sind übrigens beleidigt, weil sie offensichtlich zu unwichtig waren, um mit abgebildet zu werden – das Leben kann schon sehr hart sein!)

Besonders absurd wird die Angelegenheit, wenn man bedenkt, wie viele Menschen mir hier in den letzten Jahren schon gesagt haben, wie toll sie Hitler finden, weil er 1) ein starker Mann gewesen sei, der Deutschland gerettet habe, ganz wie Heydar Aliev Aserbaidschan (wenn man es recht überlegt, hat Aserbaidschan da echt noch Glück gehabt) und 2) er die Sowjetunion von Stalin befreien wollte (kein Kommentar!). Was sagt uns also jetzt diese Collage?

Weltkriegsdenkmal in Baku - vor einem Jahr stand es noch woanders,
deshalb habe ich es erst in der Abenddämmerung gefunden
Eine weitere Drehung kam durch die Frage einer älteren Nachbarin ins Spiel: Ob Deutschland wirklich den Zweiten Weltkrieg begonnen hätte? Sie habe das ihr Leben lang geglaubt, aber jetzt stünde es in der Zeitung und das würde sie verunsichern, denn wenn es die Zeitungen schrieben, dann wäre es vielleicht doch Stalin gewesen?! Vielleicht war es nicht nur die Sonne, die mir heute leichte Kopfschmerzen bescherte.

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