Heraus zum 1. Mai!

Der Mai ist geko-hom-men, die Bäume schlagen aus, die Zugvögel kommen aus dem Süden zurück, entnervte Ethnologen und Regionalwissenschaftler begehen in die umgekehrte Richtung Uni-Flucht und überall auf der Welt wird mehr oder weniger friedlich, mehr oder weniger legal, mehr oder weniger zahlreich für und gegen alle Belange demonstriert, die Arbeiter und ihre Vertreter in allen linken Lagern so auf der Seele brennen. Auch in Istanbul waren tausende Menschen unterwegs, um unter so verschiedenen Slogans wie "Gegen amerikanischen Imperialismus in Syrien", "Gegen Gewalt gegen Frauen", "Freiheit für Öcalan" oder "Unmoral für alle" gemeinsam zum Taksim zu ziehen. Transparente und Slogans, die sich ausdrücklich mit Arbeitsbedingungen, Lohndumping und Sicherheit am Arbeitsplatz beschäftigen waren zumindest da, wo wir waren, selten. Eigenartig in einem Land, das doch für seine Textilindustrie und die damit verbundene oft wirklich gesundheitsschädigende Arbeit bekannt ist - oder habe ich da was verpasst? Kommt jetzt endgültig alle Kleidung aus Ost- und Südostasien?

Dennoch, es gab genügend Gründe, sich ins Getümmel zu werfen. Nicht ganz einfach, wenn man mit jemanden unterwegs ist, die sich so gut in der türkischen Poltik auskennt, dass sie so ziemlich an jeder Gruppe, der wir begegneten, etwas auszusetzen hatte: die war nicht ganz die richtige Richtung, die hatte gerade einen Skandal produziert, der nur dann lustig war, wenn man soweit weg war wie ich, in jener fällt man so auf, weil es so wenige sind und die sich alle kennen (letzteres galt vor allem bei Umweltschützern, feministischen Splittergruppen und Intellektuellen...) Schließlich landeten wir bei den Schwulen und Lesben, die sich zwar vermutlich auch alle kannten, gegen die aber politisch und moralisch erstmal nichts vorlag und die z.T. auch noch armenische Schilder trugen, so dass gleich mehrere Kriterien des "Unterstützenswert-Seins" erreicht wurden. (Allerdings trafen wir am Abend einige Vertreter dieser Gruppe noch mal wieder, jetzt in einem solchen Zustand des Betrunkenseins, dass ich fürchte, dass das vermutlich doch erwünschte Werben um mehr Toleranz wenig Ergebnisse gebracht haben wird.)




Auch wenn diesmal eine Gruppe "antikapitalistischer Islamisten" dabei gewesen sein  soll - ich glaube, auf viel Solidarität von dieser Seite kann dieser jungen Mann aus dem schwul-lesbischen Flügel trotz des dekorativen Kopftuchs nicht hoffen!


Touristen auf dem Weg zum Flughafen standen heute vor unerwarteten (?) Problemen - nichts ging mehr rund um den Taksim (auch wenn die Massen zugegebener Maßen auf diesem Bild nicht so besonders überzeugend rauskommen - sie waren da!)
Abends hatten wir dann vom Balkon aus einen guten Blick darauf, warum der Tag der Arbeit auch heute noch wichtig ist und warum es vielleicht mehr klarer auf Arbeiterrechte bezogene Forderungen hätte geben sollen:



Ein Bild sagt mehr als tausend Wort: Arbeiter am Kranseil hängend.


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