Eurovision-Fieber

Breakdance am Bulvar



Heute ist es endlich mal kühler und wieder sehr windig - Baku hat ja bekanntlich  nur zwei Windstärken: Flaute und Orkan, und gerade mal ist eben Orkan dran. Ich bin dafür nicht undankbar, denn in den letzten Tagen war die Stadt ein einziges Chaos: überfüllt, heiß und laut. Heute ist es wenigstens kühler und auch nicht mehr so voll. Trotz allem ist die Laune gut, ungewöhnlich gut. Menschen wie meine Aserbaidschanischlehrerin und ihre Mutter, die sonst nur über die Regierung schimpfen, gucken auf einmal mit strahlenden Augen den Regierungssender und schwelgen in Begeisterung. Dass die Präsidententöchter Teilhaberinnen einer Goldmine sind, die im Jahr so viel einspielt, dass ein normaler Aserbaidschaner dafür 12.000 Jahre arbeiten müsste – vergiss es, die Erweiterung des Bulvars ist schön geworden. Dass die Lehrergehälter seit Jahren kaum erhöht worden sind und die Korruption im Bildungssektor deshalb völlig außer Kontrolle – unwichtig, hast du schon die neuen Lichtspiele auf den Flame Towers gesehen? Klar gibt es immer mehr Obdachlose, von denen aber keiner weiß, wohin sie in den letzten Wochen hin transportiert worden sind, aber die Crystal Hall hat unser Ilham wirklich toll hingekriegt. Preiserhöhungen, Straßensperren, (mindestens) Verdreifachung der Polizeipräsenz – unsere Stadt ist die schönste.
Tatsächlich steigt zwar das Polizeiaufkommen und die Zahl nationalistischer Kundgebungen auf der einen Seite, auf der anderen aber brechen Freiheiten hervor, wie ich sie noch nie erlebt habe: Es gibt Public Viewing – unter reichlich Bewachung zwar, aber solche Menschenmassen auf einem Haufen waren bei dem Versammlungsverbot bisher noch nie erlaubt. Am Bulvar wird im Gras gesessen und gesungen, eine Gruppe Jungen macht Breakdance erst zur Musik von der öffentlichen Bühne, dann wagt einer sogar den eigenen CD-Player anzumachen, man kann sogar in der Öffentlichkeit (also außerhalb von Cafés und Pubs) Bier trinken. Alles Neuerungen, die vor zwei Jahren noch undenkbaren gewesen wären und sofort die Polizei oder einen der privaten Wachdienste auf den Plan gerufen hätten. Wie es nach Eurovision weitergeht? Das werde ich nächste Woche berichten können, wenn alle Journalisten weg sind. 
Trinken in der Öffentlichkeit - naja, wenn der Sponsor
eine wichtige Biermarke ist....
So wie Alice auf dem Turm der österreichischen Künstlerin
fühle ich mich gerade auch oft - ist das noch mein Baku?
Und was passiert als nächstes?

Kommentare