Euro? - Vision


Am Dienstag nun mein erster (und einziges) Eurovisionerlebnis in der Crystal Hall selbst. Einlass um neun Uhr, Beginn um Mitternacht. Schon bei den Zeiten verging mir die Laune, noch bevor ich das erste Lied gehört hatte. Mehrere Lauf-Kilometer den neuen Bulvar entlang, acht (oder waren es nur sieben?) Pass- und Ticketkontrollen, die sich zum Teil im Abstand von nur 50 Metern befanden, später war sie verblüffender Weise besser. Nicht nur wegen der schönen Kindheitserinnerungen an die DDR-Grenzkontrollen auf Ferienreisen, sondern auch wegen der wunderbare beleuchteten Skyline von Baku, die man sonst nur von der völlig überfüllten Ausflugsbooten aussieht, der wirklich beeindruckend angestrahlten Crystal Hall selbst und der allgemeinen guten Stimmung, die vor allem von den vielen jungen Leuten mit aserbaidschanischen Fahnen ausging. Leider kann ich nicht beurteilen, ob das  normal ist, dass man eigentlich nur die Fahnen des Gastgeberlandes sieht. War Düsseldorf letztes Jahr auch ein schwarz-rot-goldenes Meer? Mist, etwas Eurovisionforschung hätte ich im Vorfeld schon betreiben sollen…Da es entgegen aller Prognosen skeptischer (und mit den erwarteten Touristenzahlen vertrauter) Freunde doch bis auf wenige Plätze gefüllt war, kam mir doch der Verdacht, dass der Saal mit der staatlichen Jugendorganisation aufgefüllt worden war. Es fällt mir schon schwer zu glauben, dass sich so tausende junge Menschen in Baku die Tickets ab 90 Euro leisten können.
Im ganzen gab der offensichtlich Nationalismus dem Abend doch einen eigenartigen Beigeschmack: Dass die Getränkeverkäufer dann kein Englisch verstehen und tatsächlich nur Bestellungen auf Azeri annahmen, war ziemlich eigenartig, allerdings wurden Fremdsprachenkenntnisse an dem Stand, an dem ich es versuchte, auch nicht verlangt  − und die Leute arbeiten zum Teil in 16-Stunden-Schichten. Da wundert es eher, dass sie überhaupt noch irgendwas verstehen. Die Begrüßungsansprache an die Gäste in der Halle (die, die gehalten wurde, bevor die internationalen Kameras eingeschaltet wurden) war dann auch nur auf Azeri. Offensichtlich fühlte man sich unter sich. Neben mir im Saal dann auf der einen Seite drei Neuseeländer (extra für Eurovision eingeflogen) und drei Frauen mittleren Alters aus Lettland, von denen zwei aserbaidschanische Wurzeln haben. Etwas internationales Publikum ist also schon da. Dies musste sich allerdings schon konzentrieren, um mitzubriegen, wer der nächste Kandidat war: Der Name wurde während des Bühnenumbaus nur wenige Sekunden eingeblendet, bevor wieder Bilder aus Aserbaidschan gezeigt wurden. Sehr schön und oft witzig auf das nächste Land abgestimmt (Bilder aus Moscheen, Kirchen und Synagogen aus Aserbaidschan vor dem israelischen Beitrag, aserbaidschanische Skigebiete vor dem schweizer), aber trotzdem wären Bilder aus dem jeweiligen Land selbst ja auch eine Idee gewesen. Falls das immer und in allen Ländern so betont national ist, bin ich vom "europäisch" in Eurovision nicht so überzeugt...

Crystal Palace
Eingehüllt in die Fahne

Wie bestellt: Selten ist der Wind stark genug, um die aserbaidschanische
Fahne am großen Flaggemast so wehen zu lassen (laut Wikipedia 70x35m und
350 kg - da braucht man wohl schon einen mittleren Orkan)

Wenigstens ein paar nicht-aserbaidschanische Fahnen
Euro(vision)-Islam: Ordnerin mit Kopftuch

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