An Baku muss man einfach glauben


Heute habe ich mir meine Karte für das Semifinale abgeholt und dabei einen Teil Bakus kennengelernt, der mir bisher unbekannt war. Das heißt, gesehen habe ich das Bakuer Kongresszentrum aus Sowjetzeiten, den Gulistan Palast, fast täglich. Zwischen Stadt und Märtyrer Allee klebt das Ding auf halber Höhe am Hügel, aber dann doch so abgelegen von den Straßen und der Treppe, die hinaufführen, dass ich noch nie daran vorbeigekommen bin. Aber ich muss auch zugeben, dass ich dieses offensichtliche Wunderwerk der sowjetischen Architektur bisher im Hinterkopf als Substruktionen des Hügels abgespeichert habe. Liegt auch komplett abgelegen und von Baustellen umgeben (na, was für eine Überraschung!), aber da ich gestern schon die Geschichte von zwei Bakuer Freunden gehört hatte, die als Einheimische fast eine Stunde da durch die Pampa gestolpert waren, war ich auf das Schlimmste gefasst. War dann aber gar nicht so schlimm und es gab auch keine Schlangen, sondern ich bekam meine Karte ohne Probleme. Nun muss ich morgen wirklich da hin - besonders beunruhigend, weil es allen Ernstes um Mitternacht Ortszeit hier losgeht. Ab neun ist Einlaß, um zehn muss ich spätestens da sein - und dann? Ich sollte mir was zum Lesen mitnehmen.
Gulistan Saray
Mit der Aussicht war meine Laune trotz glücklich erhaltener Karte nicht die beste: Ich war müde, durstig und verschwitzt und dann folgte mir noch ein Polizist auf Schritt und Tritt als ich versuchte, den berühmten Palast nun wenigstens zu fotografieren. Aber der freundliche Emin wollte mir nicht das Fotografieren verbieten, sondern sich nur ein bisschen unterhalten, denn die Massen, die er eigentlich regulieren sollte, bleiben aus. Nach einigem Smalltalk über Deutschland fragte ich schließlich ob er aus Baku stamme. Nein, nein, eigentlich wäre er in Armenien aufgewachsen und hätte dann lange in Russland gelebt. Früher wäre das ja auch egal gewesen, wo man leben würde. Man hätte in der ganzen Sowjetunion leben können und es habe nie eine Rolle gespielt, wer man war. Alle wären gleich gewesen. Als ich sage, dass heute Armenien nicht mal zu Eurovision käme, wenn es in Aserbaidschan sei, erklärt er vehement: Das ginge ja auch wirklich nicht. Schlimm genug, dass Russland und Aserbaidschan gegeneinander antreten müssten, aber dann noch Armenien? „Dann wüsste ja niemand hier mehr, für wen er stimmen sollte!“
„Mit dem Verstand ist Russland nicht zu verstehen, an Russland kann man nur glauben“, wird der russische Dichter Feodor Ivanovic Tjucev gerne zitiert. Für den Südkaukasus gilt das ebenso.

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