Westlich von Istanbul

Gerade bin ich eigentlich westlich von Istanbul, mal wieder in heimatlichen Gebieten, die die Tendenz haben, sich mit jedem Auslandsaufenthalt ein kleines bisschen weniger heimatlich anzufühlen und bin von regelmäßigen Heimweh-Anfällen nach dem Südkaukasus geplagt. Natürlich gibt es Vorteile, die ich genieße: Zentralheizung, immer Heißwasser, überall einen guten Kaffee zum Mitnehmen und die Benutzung von Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln ohne anzüglichen Kommentare oder Geräusche von Männern hinter sich zu hören. Vielleicht etwas langweilig, hat aber was.
Aber wie immer ist es schwer, den Freunden etwas von der Welt, in der ich mich in den letzten Monaten bewegt habe, zu erzählen. Zu groß ist die Kluft, die mir vom Ausland aus dann oft doch wieder so klein erscheint: Kann das, was mir so vertraut ist, für andere wirklich so weit weg sein? Dabei hat sich sogar etwas Entscheidendes verändert: Die meisten Leute kennen mein Forschungsgebiet. Zumindest dem Namen nach. Vorbei die Zeiten, in denen auch engste Freunde meine Erzählungen mit den Worten „Ich hole mal den Atlas“ unterbrachen – was nur bedingt eine Lösung war, denn die Schulatlanten meiner Freunde sind in der Regel älter als die Länder, in denen ich mich aufhalte. Telefongespräche hörten sich von meiner Seite dann ungefähr so an: "Nein, dass ist nicht mehr Russland." - "War es noch nie. Es war Sowjetunion" - "Ja, das ist ein Unterschied." - "Doch, sie sprechen trotzdem Russisch. Und eben Azeri (Usbekisch/Kirgisisch/Tadschikisch etc.)"
Typisch waren auch Atlas-Orientierungshilfen, die ungefähr so klangen:  „Wenn du Bischkek nicht findest, versuch es mal mit Frunse.“ – Frunse. Ja, genau. F-R-U-N-S-E.“ – „Nein, noch etwas östlich von Taschkent. Das ist im Osten Usbekistans“ – "Ok. Noch mal. Hast Du Istanbul?“ – „Ja? Dann immer weiter nach rechts.“ – „Was soll das jetzt heißen: Da kommt nichts mehr?!“


Altstadtkatzen - sie sind offensichtlich (noch) nicht von den

Säuberungen der Straßen betroffen.



Heute weiß jeder, dass da irgendwo zumindest noch die Stadt des Euro Vision Song Contest kommt, verkündeten doch Plakate vor einer Weile überall, „Unser Star für Baku“ werde gesucht und dass deutsche Firmen mit an der Euro Vision - Halle bauen, hat es auch in die Zeitung geschafft. Ebenso wie die Tötung von Straßenhunden in Baku in deutsche Internetforen, wo es helle Empörung bis hin zu Boykottaufrufen hervorgerufen hat. Bisschen spät, wenn man bedenkt, dass ich schon im Herbst kaum einen Straßenhund mehr gesehen habe, und da schon Gerüchte von bis zu 30 Euro Kopfgeld für einen toten Hund die Runde machten. Kein schlechter Nebenverdienst für viele, die ihre Familien mit einem schlechten (möglicherweise staatlichen) Gehalt ernähren müssen.Wenn es heißt, dass viele Hunde nur angeschossen werden und schwer verletzt werden, kann ich mir das gut vorstellen: gut möglich, dass diese Männer (vielleicht der nette Geisteswissenschaftsdozent von nebenan mit seinem Hungerlohn?) nicht viel Ahnung vom Schießen haben und eher wahllos herumballern. Nicht nur für Hunde eine etwas beängstigende Vorstellung...
Höchste Zeit, dass mal jemand dem Tourismusministerium mitteilt, dass ausländische Touristen durchaus eine Schwäche für niedliche kleine Hundchen und Kätzchen haben, die mit großen Kulleraugen an ihren Restauranttischen betteln. Mit etwas Geschick, kann man da eine richtige Postkarten-Industrie aufbauen. (Obwohl ... die vielen Karten dieser Art haben die griechische Wirtschaft auch nicht gerettet...)
Während Hunde also durchaus eine Lobby haben, gilt das für die vielen Menschen, die durch die Abreißkampangen für den Euro Vision Song Contest obdachlos werden, offensichtlich nicht, zumindest habe ich noch keinen Boykottaufruf deswegen gelesen und auch keine Petition gefunden. (Ja, muss man denn alles selber machen??)
Ich hoffe, ich verletze mit diesem im Internet gefundenen Bild keine Urheberrechte - es ist zu schön, um es nicht zu streuen!

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