Schwarze Tage II

Und wieder Erinnerungen an die schweren Zeiten Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Heute, bzw. in der Nacht zu heute, jährte sich zum 20ten Mal eine der schlimmsten Verluste Aserbaidschans im Krieg um Berg-Karabach. In der Nacht zum 26. Februar 1992 hatte die armenische Armee das Dorf Xocali, das zu diesem Zeitpunkt schon von Flüchtlingen aus anderen Dörfern der Umgebung überfüllt war, weitgehend umzingelt. Als ein Großteil der Dorfbevölkerung versuchte, über den letzten noch nicht geschlossenen Fluchtweg zu entkommen, eröffneten armenische Truppen das Feuer auf die Flüchtenden. Die Frage, ob möglicherweise einzelne aserbaidschanische Kämpfer unter den Fliehenden waren und ihrerseits zurückschossen, wird wohl nie zu klären sein. Tatsache ist, dass am Ende mehrere hundert Zivilisten tot und weitere hunderte verletzt waren, aufgrund der eisigen Temperaturen schwere Erfrierungen davontrugen oder in Gefangenschaft gerieten. (Ich vermeide absichtlich die vielen kursierenden Zahlen – macht es einen Unterschied, ob es vierhundert, sechshundert oder tausend Tote waren? Ob hundert oder zweihundert Kinder darunter waren?)
Letztes Jahr in Baku habe ich weniger von dem Gedenktag mitbekommen als dieses Jahr in Berlin. Genauer gesagt war das einzige, was ich letztes Jahr mitbekommen habe, ein Wutausbruch meiner (aserbaidschanischen) Mitbewohnerin darüber, dass a) das Radio nur grauenvoll patriotische Trauerlieder spielte, und b) der Laden mit den witzigen Geschenken, in dem sie ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin suchte, aus Pietät (oder politischem Druck?) geschlossen war. So viel zur allgemeinen Volkstrauer. In Berlin versammelte sich nun eine Gruppe, bei der zumindest einige der jüngeren wirklich zu trauern schienen, bei denen Erinnerungen an den Tod von Verwandten, eine Kindheit auf der Flucht und in Flüchtlingslagern oder Kinderheimen, geweckt wurden. Eine schwierige Balance zwischen Anerkennung menschlichen Leidens und der Politisierung desselben, denn die Veranstaltung in Berlin hatte viel damit zu tun, bei Deutschland (was und wer auch immer das sei!) Unterstützung bei der Wiedergewinnung Berg-Karabachs und der besetzten Gebiete zu gewinnen. Ich muss an das denken, was ich so häufig in Baku gehört habe: Deutschland müsse Verständnis für Aserbaidschan haben, schließlich habe Deutschland doch auch Erfahrung mit dem Verlust von Gebieten. Der Hinweis, Deutschland habe irgendwann begriffen, dass ein dauerhafter Friede den Verzicht auf Gebiete wert sei, ist leider für Aserbaidschaner die falsche Antwort. (Ok, im deutschen Fall war die Schuldfrage eindeutig, für den Südkaukasus – ach, lasst mich doch alle in Ruhe. Und einander bitte möglichst auch.)

Kommentare