Schwarze Tage



Heute ist Trauertag in Aserbaidschan. In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1990 marschierte die sowjetische Armee in Baku ein und schlug die aserbaidschanischen Demonstrationen für die Unabhängigkeit der Republik Aserbaidschan nieder. Nach mehrtägigen Unruhen und immer lauter werdenden Forderungen nach Unabhängigkeit verhängte die sowjetische Führung am späten Abend des 19. Januar 1990 den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre über Baku. Leider (oder eher: absichtlich?) zu spät, um die Bevölkerung darüber angemessen zu informieren. So kam es, dass unter den mindestens 130 Todesopfern und den hunderten Verletzten des Einmarschs der Sowjetmacht in eine ihrer eigenen Städte nicht nur Demonstranten waren, die sich den Truppen bewusst entgegen gestellt hätten (was kein Grund für ihre Ermordung gewesen wäre!), sondern vor allem Menschen, die sich aus purer Unkenntnis der Situation auf ihrem Weg zur Arbeit oder nach hause auf der Straße befanden. Auch wenn es auf diese Weise gelang, jede Unabhängigkeitsbestrebungen erstmal brutal zu unterdrücken, wird dieser Tag doch bis heute als der angesehen, an dem für die meisten Aserbaidschaner jegliche Bindung an die Sowjetunion beendet war.



Die Gräber der Opfer des 20. Januars 1990 auf der Märtyrer Allee - Zivilisten, Frauen und Männer aller Altersgruppen 
(die Photos sind schlecht, sie waren immer nur als Gedächtnisstütze für mich geplant.) 


Bei aller völlig berechtigter Wut und Trauer auf aserbaidschanischer Seite wird gerne übersehen, dass ein anderer sowjetischer Traum schon in den Tagen zuvor zerstört worden war: Der Traum von einem freidlichen Zusammenleben verschiedener Völker als ein "Sowjet-Volk" in einem gemeinsamen Land, einer gemeinsame Stadt. Die Demonstrationen, die die sowjetische Armee niederschlug, hatten sich auch in wütenden Pogromen gegen die armenische Bevölkerung entladen. Angeheizt durch die in Armenien immer lauter werdenden Forderungen nach Anschluss von Berg-Karabach an Armenien und Vertreibungen von Aserbaidschanern aus Armenien, waren armenische Familien, die seit Generationen in Baku lebten, überfallen, ihre Wohnungen geplündert und mindestens neunzig Menschen getötet worden. Tausende mussten über das Kaspische Meer erst nach Turkmenistan evakuiert und dann nach Armenien gebracht werden. Dass hier die sowjetischen Autoritäten schneller funktionierten als bei der Verhinderung des Pogroms, sagt einiges über ihre Prioritäten. Nicht nur Armenier, auch Aserbaidschaner, die sich schützend vor ihre armenischen Nachbarn und Freunde stellen wollten, fühlten sich von der Zentralmacht im Stich gelassen.
Hiermit sei allen Opfern dieser Bakuer Januarwoche von 1990 gedacht: den Toten der Pogrome und denen, die von der sowjetischen Armee getötet wurden. Nicht zuletzt aber auch und vor allem jenen, die seit diesen Januartagen nie wieder einen Platz im neugeordneten, post-sowjetischen Kaukasus gefunden haben – den armenisch-aserbaidschanischen Mischehen und ihren Kindern, die weder in Baku noch in Yerevan mehr willkommen und nun weitgehend über die Welt verstreut sind.

(Meine Posts bekommen in letzter Zeit einen leicht predigenden Ton – muss irgendwie am Thema liegen.)

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