Entlang der Nizami


Wow, ein sprunghafter Anstieg der Seitenbesuche dank der Nennung des Blogs auf http://www.stadtbild-deutschland.org , das ich peinlicherweise erst darüber kennengelernt habe. In jeder Hinsicht ein Danke! Und ein Grund, endlich mal aus dem Winterschlaf zu erwachen und meinen Blog mit weiteren Bakubildern zu füttern - ich weiß, die treuen Freunde warten eher auf Geschichten, aber bei so viel fremden Interessenten an der EuroVisionSongContest-Stadt kommen jetzt erstmal die Bilder zum Zug. Ist für mich auch einfacher, denn schreiben muss ich schon genug.
Heute nun ein Streifzug entlang der wichtigsten Hauptstraße von Baku, der Nizami Kücesi (benannt nach dem aserbaidschanischen Nationaldichter Nizami Ganjavi (ca. 1141-1209). Die etwas über 3 km lange Nizami verläuft in west-östlicher Richtung mehr oder weniger parallel zum Kaspischen Meer, von den Industrievororten der ehemaligen "Schwarzen Stadt" (heute am Rande der Innenstadt), über sowjetische Wohnbebebauung mit ihren typischen Hinterhöfen, zu den Prachtstraßen der Innenstadt aus dem 19.Jahrhundert und einem verfallenden Viertel aus der selben Zeit.

Bahngleise nahe der Schwarzen Stadt. Manchmal (wenn man rüberwill) erscheinen die Güterzüge, die hier vom Hafen zum Bahnhof und weiter durch den Kaukasus ziehen, unendlich. Aber hier wollen auch nur Anwohner rüber und die westlichen Forscher müssen sich eben in die Romantik flüchten, dass diese Gleise auch schon die Ölsucher des 19. Jahrhunderts ans Kaspische Meer brachten. Wenn es nicht regnet, klappt das sogar.

Sowjetische Häuser und modernes Hochhaus nahe der Bahngleise und gegenüber der Brotfabrik.


Vor der Brotfabrik. Hier wird das typische Kastenbrot in noch sehr sowjetischer Umgebung hergestellt. Es riecht ja gut, aber wenn man einmal gesehen hat, wie es gelagert wird, nimmt man doch lieber das frische Weißbrot aus dem Lehmofen in der Kellerbäckerei um die Ecke - zumindest ich.

Sowjetischer Hof - hier toben Kinder, spielen alte Männer Schach und jeder Nachbar überprüft, wer wann mit wem nach hause kommt.  Heute machen Autos dem Treffpunkt der Nachbarschaft Konkurrenz. Wenn nicht die Abrißbagger gleich für ein neues Hochhaus anrücken. Ein lange geplanter Blogeintrag: "Abgesang auf alte Nachbarschaften - das Verschwinden der Höfe"


Nochmal Erinnerung: Mein Hof Sommer 2010 bei einem zentralen Wasserrohrbruch - als ich aus der Haustür trat,  wusste ich, wo mein Trinkwasser hin- und die Mücken in meinem Schlafzimmer hergekommen waren...

Näher am Stadtzentrum: Stalin-Prunk


Wir betreten das Baku der Gründerzeit: Die Oper von 1909

Straßenleben auf dem Abschnitt der Nizami, der immer noch Torgovaya (Handelsstraße) heißt. Niemals ein offizieller Straßenname, ist dies doch die Bezeichunung, die sich zumindest für den Teil mit den Gründerzeitbauten am stabilsten gehalten hat. Hiermit verbinden sich die wichtigsten Erinnerungen an das Baku der 1960er Jahre, als Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion friedlich zusammenlebten und in den Kneipen der besten Jazz des Ostens gespielt wurde (ein sorry an meine Freunde in Odessa - vielleicht hattet auch ihr den besten Jazz, aber die Bakuer sehen es nun mal anders...)

Nahe des alten sowjetischen Kaufhauses (Merkezi Univermag - MUM, in anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion heißt sowas ZUM-Zentranij Univermag, aber in Aserbaijan war auch Azeri offizielle Sprache, deshalb Merkezi statt Zentranij - alles klar?). Hier stoßen moderne Architektur und riesige Autos und die Verlierer der Unabhängigkeit aufeinander: nirgendwo in baku gibt es soviel bettelnde alte Frauen wie auf diesem Abschnitt der Nizami.

Bürgerliche Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert in verschiedenen Stadien des Verfalls ziehen sich das letzte Stück der Nizami den Hügel empor. Wohl nicht offiziell zum Abriss freigegeben, verschwinden sie doch schnell.


Türschwelle eines der alten Häuser entlang der Nizami - wenn diese Zitat mit all seinen Bezügen zur klassichen europäischen Kultur für ein Hochhaus verschwindet, stellt sich, um im Bild zu bleiben, die Frage "Quo vadis, Aserbaidschan?" (Oder: "Quo vadis, Europa?"Und wen interessiert das? Wo und wer ist überhaupt Europa?)

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