Das Verschwinden der Höfe


Hinter dieser Fassade verbirgt sich ein Hof
Heute der schon angekündigte Beitrag zu den Höfen der sowjetischen Apartmentblocks, die eine so zentrale Rolle im Leben vieler Stadtbewohner des ehemaligen Riesenreiches spielten und in denen sich heute oft so schön die Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte ablesen lassen. Geplant als Orte der Erholung für die Bewohner, denen die Wohnungen in den Blocks staatlich zugeteilt wurden sind sie häufig von alten Bäume geprägt, hier finden sich Kinderspielplätze, Teppichklopfstangen, Bänke und Tische auf deren Tischplatten oft noch die Zeichnungen von Schachbrettern zu erkennen sind. Alte Männer und Frauen verbrachten hier (vor allem in den südlichen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, die  mir so vertraut sind) den größten Teil der Tage und hielten hauptberuflich die soziale Ordnung aufrecht: Wer kommt wann mit wem nach hause? Welche Kinder machen Unsinn, welche Jugendlichen glauben unbeobachtet rauchen oder knutschen zu können? 
Früherer Sitzplatz und Kontrollzentrum des Hofes
Zeitweilig überlebenswichtig: Der Vorgarten
Auch wenn es sie immer noch gibt, die Alten, viele soziale Orte in den Höfen sind inzwischen verfallen oder wurden in die neue Nutzung in den ersten Jahren der Unabhängigkeit integriert: Die damalige Preissteigerung in Verbindung mit unregelmäßigen Lohnauszahlungen und allgemeiner wirtschaftlicher Unsicherheit führte dazu, dass selbst Stadtbewohner zu Selbstversorgern mit frischem Gemüse wurden. In den Höfen entstanden Gartenparzellen, die Spielgeräte wurden teilweise als Halterungen für Rankengewächse zweckentfremdet und manche frühere Bank fand sich als Parzellenbegrenzung wieder. Die erste öffentliche Markierung von privaten „Landbesitz“ bediente sich der alten gemeinschaftlich genutzten Objekte. Der wirtschaftliche Aufschwung des letzten Jahrzehnts hat - 
zumindest in Baku - diese Gärten wieder weitgehend überflüssig gemacht. Heute wird Gemüse wieder im Laden oder von Lieferanten gekauft, die Obst und Gemüse vom Land in die Stadt bringen und dort aus dem Kofferraum hinaus verkaufen. Ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Höfe ist - zusammen mit kleineren Läden, die sich in ehemaligen Garagen oder Geräteschuppen angesiedelt haben - eine der letzten Überbleibsel aus den ersten schwierigen Jahren der Unabhängigkeit.
Vom sozialen Ort zum Parkplatz. Man muss schließlich Prioritäten setzen
Heute werden die Höfe zu Parkplätzen immer größerer Autos, deren Besitzer peinlich genau darauf achten, dass Kinder mit Bällen und Fahrrädern nicht zu nahe an ihre neuen Statussymbole kommen, und es sich etwas kosten lassen, Nachbarn für den Schutz anzustellen. Mit der zunehmenden Nutzung als Parkplätze geht der soziale Charakter der Höfe immer stärker verloren, Nachbarn werden misstrauisch beäugt, ob sie sich nicht am eigenen Privatbesitz vergreifen wollen. Immer häufiger werden auch die Höfe selbst gegen fremde Autos gesichert: Schlagbäume und Metallketten für Hofeinfahrten sind ein wachsendes Geschäft.
Heutiges Kontrollzentrum des Hofes (das deutsche "Schlagbaum"hat es übrigens als Lehnwort in viele Sprachen der Ex-Sowjetunion geschafft. Na, Glückwunsch!)


Nicht nur die Höfe selbst werden gesichert, auch die Hoftüren der Häuser werden immer öfter geschlossen und mit Zahlenschlössern gesichert, um nur demjenigen Zutritt zu erlauben, der zumindest soweit zur Nachbarschaft gehört, dass man ihm den Code anvertraut. Nicht alle wissen diese Vorsichtsmaßnahme zu schätzen, im Ggenteil, für manche (wie meine Nachbarin) ist es der Beweis, dass es nun einmal keine Nachbarschaft, keinen Zusammenhalt mehr gibt., dass man sich nicht einmal mehr im eigenen Hof vertrauen kann und die Haustür offen lassen, wird zum Symbol der neuen Zeit. Tatscächlich haben Arbeitsmigration nach Russland in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit und der Zuzug von Landbewohnern, die nun endlich ohne Zuzugsgenehmigung in die Stadt ziehen konnten, manches verändert. Die Sicherheit, dass man sein Leben in der einmal vom Staat zugeteilten Wohnung verbringen würde und dies auch für alle Nachbarn gelten würde, wurde brüchig und mit ihr verschwanden Vertrauensnetzwerke, die manchmal noch in Sätzen wie „Sie ist eine gute Frau. Sie wohnt in meinem Hof.“ oder "Du kannst ihm vertrauen. Er gehört zum Hof." aufblitzen.Aber längst nicht allen im Hof ist mehr zu trauen. Nur was Kinder, Jugendliche und die seltsame Ausländerin gerade machten, scheinen immer noch alle zu wissen.

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