Überall. Hier.


Seit Wochen drücke ich mich jetzt um den Post zum Thema Konflikte und Krisen im Kaukasus, den ich eigentlich anlässlich der Konferenz in Tbilisi schreiben wollte. Aber ich hatte keine Lust. Keine Lust auf längere Erklärungen wie die regional- und weltpolitische Lage aussieht, keine Lust mich in den ewigen Fragen nach Schuld und Verantwortlichkeiten zu verfangen, missinterpretiert zu werden - ja auch keine Lust mich angreifbar zu machen, weil ich in irgendeiner Weise Stellung beziehe, die mir schaden könnte. Ich wollte nicht sehen und auf gar keinen Fall gesehen werden. Es ist nicht meine Region, ich bin nur die Beobachterin. Der Grund, warum ich nun doch schreibe, hat auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Südkaukasus zu tun: Die Nachricht vom Tod Christa Wolfs.
Aber ich erinnere mich an eine Reise im Frühjahr diesen Jahres von Baku nach Tbilisi und weiter in die armenische Hauptstadt Yerevan. 15 Stunden im Nachtzug, sechs im Minibus hin und schließlich das ganze zurück, über verschneite Bergpässe und durch langwierige Grenzkontrollen, auf der Suche nach denen, die zu den ersten Opfern des Konfliktes um Berg-Karabach wurden: den Armeniern, die bis zu den Pogromen 1990 in Baku lebten. Im Gepäck „Stadt der Engel“, den letzten Roman von Christa Wolf. Und auf seltsame Weise mischte sich ihre Stimme immer wieder mit dem, was ich erlebte und meine Gesprächspartner vermittelten: die immer wieder aufgeworfene Frage nach dem Einzelnen und seiner Verantwortung in den „großen“ Ereignissen, die offensichtlich ohne Vorwarnung und Eigenbeteiligung über die „Leute“ hereinbrechen. Immer wieder scheint es, als habe niemand gewusst, wissen können, dass es Spannungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern, Georgiern und Abchasen gegeben hat. Immer wieder wird betont, man habe doch jahrzehntelang friedlich zusammengelebt, die Leute könnten es auch jeder Zeit wieder, nur die Politik würde eben dagegen sein, würde Kriege anzetteln und Unfrieden stiften. Wer die Politik ist? Andere. Fremde. Wirklich: ich glaube (will glauben), dass den armenischen Kollegen die Vertreibung der alten aserbaidschanischen Nachbarn in Karabach ebenso leid tut, wie manchen Bakuer Freunden die ihrer armenischen Nachbarn, denen sie immer noch nachtrauern. Ich will glauben, dass die georgischen Kollegen gerne wieder bessere Kontakte zu den russischen Kollegen hätten. Dass überhaupt alle am liebsten zusammensitzen und essen, trinken und singen würden. Aber: Selbst sieht sich keiner als Teil dieser Politik, als Teil dieser Gesellschaft, die sich in Konflikten befinden, die zwischen „frozen“ und "deeply frozen“ eingestuft werden. Niemand sieht sich als Teil des Problems, aber eben auch nicht als Teil der Lösung. „Was hätten wir, was hätte ich tun können?“ zieht sich durch die Romane von Christa Wolf, muss sich der Leser von ihr immer fragen lassen: „Wovor habe ich die Augen verschlossen? Was hätte ich gesehen, wenn ich sie rechtzeitig geöffnet hätte? Was, wenn ich sie jetzt öffnen würde?“
 Bei einer der Grenzkontrollen wurde Christa Wolfs Roman misstrauisch beäugt: Handele er etwa vom Südkaukasus? Nein, erklärte ich voller Überzeugung, das Buch wäre nun wirklich sehr, sehr deutsch. War es das? Soll es, darf es das sein?

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