Liebes Tourismusministerium, (Teil II)

ich wende mich heute  an Sie, obwohl mir bewusst ist, dass mein Problem nur teilweise in Ihr Ressort fällt.
Neulich hatte ich ein Gespräch mit ein paar aserbaidschanischen Studenten, die sehr erstaunt waren, dass ich keinen Führerschein besitze. Noch erstaunter waren sie, als ich erklärte, ich hätte in den letzten Jahren einfach keine Zeit gehabt, Fahrstunden zu nehmen. Der Zeitmangel war es dabei nicht, der die erstaunte, sie selbst sind teilweise mit allen Sonderkursen bis zu zwölf Stunden täglich an der Uni, sondern die Tatsache, dass es für einen Führerschein nötig sein solle, Fahrstunden zu nehmen. Sie waren zwar einhellig der Meinung, dass dies eine gute Idee sei, für den Erhalt eines Führerscheins aber nun doch keine Bedingung. Dies erklärt einiges. Nur nicht die Tatsache, warum nicht mehr Menschen täglich auf Bakus Straßen verunglücken. Da ich alleine von zwei tödlichen Verkehrsunfällen in der Nachbarschaft im letzten Jahr weiß, finde ich es aber nach wie vor genug. Gerade zwischen Autofahrern und westlichen Ausländern, vor allem Touristen, kommt es hier immer wieder zu erschreckenden Missverständnissen, die ich hier mal wieder zu erklären versuche: Ein Zebrastreifen ist ein Ort, an dem Autofahrer anhalten, um Fußgänger über die Straße zu lassen. Alle Autofahrer. Nicht  nur Taxifahrer, die am Rand stehende Personen für potentielle Fahrgäste halten (auch wenn die Verlockung manchmal groß ist, zu bitten, auf die andere Straßenseite gefahren zu werden, bin ich ihr bisher noch nicht erlegen). „Anhalten“ heißt dabei in touristischen Hirnen häufig nicht zehn Zentimeter vor dem Fußgänger, nach dem man zwei Meter vor dem Zebrastreifen noch mal beschleunigt hat. Ich gebe allerdings gerne zu, dass Bakuer Autofahrer das bemerkenswert gut hinbekommen. Ich nehme an, dass sind die mit Führerschein. Die ohne sind die, die hinter dem, der dann doch gebremst hat, ausscheren und hupend über den Idioten mit Vollgas über den Zebrastreifen rasen – oder die rote Ampel. Oder auf die Gegenfahrbahn, falls nur auf einer Seite Stau sein sollte. Bei der Gelegenheit: Bitte machen Sie keine Versuche, die Bakuer Staus zu bekämpfen. Sie retten Leben und erhöhen die Mobilität von Fußgängern erheblich.
Aber vielleicht könnte Sie eine Kampagne starten, in der darauf hingewiesen wird, dass Fußgänger beim Überfahren sehr häßlich Kratzer auf der Motorhaube hinterlassen? Bei den Besitzern von Autos, die so groß und teuer aussehen, dass ich noch nie auf einer Straße  des Entwicklungslands Deutschland gesehen habe, wirkt das möglicherweise. Nicht nur die Touristen, auch viele Einheimische werden Ihnen danken.
Mir ist bewusst, dass sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten bereits ihr Bestes tun: Überall in der Innenstadt werden marmorglänzende Fußgängerunterführungen mit Zitaten des Präsidenten, mit Rolltreppen und manchmal sogar Klimaanlage gebaut – schade nur, dass die Innenstadt doch relativ klein ist. Außerdem verlangen die meisten Hotels die Zahlung aller Übernachtungen bereits bei Ankunft und neulich wurde ich bei der Ausstellung meines Visums zweimal auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, eine Kranken- und Unfallversicherung abzuschließen. Das nenne ich Service!
Wenn weitere Schritte nicht in Ihren Arbeitsbereich fallen, bitte ich um Weiterleitung meines Briefs an die zuständige Stelle.
Ich lasse bald wieder mit Lob und Anregungen von mir hören. Falls nicht, heißt das nicht, dass ich keine Verbesserungsvorschläge mehr habe. Fragen Sie einfach bei der Deutschen Botschaft nach.  Ich bin sicher, die haben eine Statistik von Überführungen nach Deutschland.

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