Nobel, das Öl und sein Preis


Heute werden in Stockholm die Nobelpreise verliehen. Neben der hohen Ehre, die dieser Preis bedeutet, wird eher selten erwähnt, dass er auch mit viel Geld verbunden ist. Zeit daran zu erinnern, dass dieses unglaubliche Vermögen aus der Wüste und dem Kaspischen Meer um Baku stammt. Bekannt waren die Erdöl- und Gasvorräte schon lange, aber erst mit Industrialisierung  setzte der Ölboom ein, der innerhalb weniger Jahrzehnte aus einem halbwegs bedeutenden Hafen am Kaspischen Meer eine der reichsten Städte der damaligen Welt machte. Hier wurden auch wichtige Erfindungen, die die Ölförderung verbessern sollten, gemacht: der erste Tanker der Welt fuhr auf dem Kaspischen Meer, Pipelines wurden verlegt und immer weiter verbessert, ebenso wie die Bohrtechnik. Unter den Glückrittern, die hier ihr Vermögen machten oder vervielfachten auch die Gebrüder Nobel.

"In Bibi Heybat haben die Russen viel neues Öl entdeckt. Nobel hat eine große deutsche Maschine ins Land gebracht, um ein Stück des Meeres zuzuschütten und nach Öl zu bohren." (Kurban Said, Ali und Nino)
Ölfelder mit blauen Pumpen bei Bibi Heybat, Sommer 2010
Ehrung für Nobel heute

Es waren aber nicht nur Ausländer, die hier reich wurden: Unter den Ölmillionären waren auch Einheimische, die zu sehr viel Geld kamen. Im Gegensatz zu den Ausländern, die weitgehend in ihren Heimatländern investierten (und verdienstvolle Preise stifteten), spielten die muslimischen Ölbarone in der Sozialversorgung und im Kulturleben der Stadt eine entscheidende Rolle, für die sie heute noch (wieder?) als Nationalhelden gefeiert werden. Ihnen verdankt Aserbaidschan, dass es sich heute rühmen kann, in vielen Fällen bei der Adaption westlicher Kulturgüter das erste muslimische Land gewesen zu sein: Die erste Oper in einem muslimischen Land wurde hier aufgeführt, die erste Mädchen-Oberschule nach westlichem Vorbild errichtet, die erste Druckerpresse aufgebaut (letzteres ist wohl das umstrittenste "erste", aber lassen wir es für heute mal drin). Besonders wichtig in der heutigen Heldenverehrung ist Zeynalabdin Taghiev, der wohl reichste und wichtigste muslimische Ölbaron dieser Tage.

"(Seinal Aga) konnte dem Geld nicht mehr entrinnen. Er gab es aus, freigebig und verschwenderisch, ... Er baute Moscheen, Krankenhäuser, Gefängnisse. Er pilgerte nach Mekka und gründete Kinderasyle" (Kurban Said, Ali und Nino)

Dennoch erreichte der Reichtum nur wenige: Das Baku dieser Jahre war auch eine Stadt, in der die sozialen Gegensätze zwischen den glitzernden Gründerzeitfassaden der „Weißen Stadt“ und den Arbeiterhütten der „Schwarzen Stadt“ extrem waren, wo sich in der Armut auf den Ölfeldern immer wieder heftige interethnische Spannungen zwischen den aus den verarmten ländlichen Regionen des Kaukasus und Irans herbeigeströmten Arbeitskräften entluden, wo viele nur wenige Jahre überlebten. Technische Neuerungen waren der Produktion vorbehalten, selbst hinter den glitzernden Fassaden der Weißen Stadt waren die hygienischen Bedingungen oft so schlecht, dass häufig verheerende Krankheiten ausbrachen. Hier fanden die russischen Revolutionäre ihr Industrieproletariat und es ist kein Zufall, dass der junge Stalin eine Zeitlang auf den Bakuer Ölfelder für seine Ziele agitierte.
Auch in der heutigen Stadt werden die Zeugen der Industrievergangenheit immer weiter an den Rand verdrängt: Die Schwarze Stadt, zu Nobels Zeiten noch weit draußen, ist heute Teil der Innenstadt und wird als solche für den Bau neuer Büro-, Hotel- und Appartmentkomplexe nach und nach abgerissen. So wichtig sie als Zeugin der Vergangenheit sein mag, so wenig wird das Verschwinden dieser zu tiefst vergifteten Industriebrache von den meisten Bakuern bedauert. (Wie weit der Giftmüll von über hundert Jahren Nutzung als Erdölfeld, Weiterverarbeitung und Hafenanlage aus dem Boden ist, weiß keiner - ich hoffe, die neuen Mieter wissen, was sie tun...)

„Scheußliche Häuser (bilden) Spalier auf den Wegen, die zu den Erdölfeldern von Baku führen. Die Baracke sieht aus wie ein Hühnerhaus, noch brüchiger und dünner, wahrhaftig, ein Fußtritt könnte sie zusammenschmeißen. So hatten die reichsten Leute der Welt die Arbeiter der reichsten Stadt untergebracht!“ Egon Erwin Kisch, 1925/26
´Baku, Schwarze Stadt, Nov. 2011


Ölfeld bei Bibi Heybat, Kulisse für James Bond "Die Welt ist nicht genug". Nur wenig weiter beginnt die Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline. Welt(energie)politik kann sehr nah sein.

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