Ashura

Zum ersten Mal erlebe ich Baku heute als muslimische, mehr noch als schiitische Stadt. Es ist Ashura, der 10.Tag des Monats Muharram - zumindest hier ist es das, ich habe gerade im Internet gelesen, dass es Uneinigkeit gib, ob heute oder gestern der richtige Tag ist. An Ashura trauern die Schiiten um den 680 in der Schlacht von Kerbela gefallenen Kalifen Hussain mit Gebeten, Klagegottesdiensten und auch mit den in westlichen Medien so gerne dargestellten blutigen Geißelungszeremonien. Die kann ich mir in Baku, wo Religion im Alltag so wenig bedeutsam erscheint, im Stadtbild so wenig sichtbar ist, aber nun doch kaum in größeren Gruppen vorstellen.Heute war auch ein ganz normaler Arbeitstag, was die eigentlichen Feierlichkeiten in die Abendstunden verlegte.
Sichtbar wurde die Religion auch heute abend wenig, vor allem wurde sie  hörbar. Über der ganzen Innenstadt lag heute ein Klangteppich aus Gebeten und Predigten, die mit Lautsprechern aus den Moscheehöfen in die umliegenden Viertel übertragen wurden und von Männergruppen, die mit Klagerufen durch die Straßen zogen. Um die Moscheen, von denen es in meinem Viertel und vor allem etwas oberhalb mehrere gibt, u.a. die größte Moschee Bakus, war heute viel los: Gläubige – Männer, aber auch Frauen – strömten in die Moscheen, die Höfe waren voller klagender Menschen, die Mauern mit schwarzen Tüchern verhängt. Um die Moscheen drängten sich Bettler und überall standen Polizisten. Menschenmassen, Bettler und Polizei sind eine ungewöhnliche Mischung für diese Stadt,die aber an dem heutigen Winterabend in einer seltsam entspannten, nicht fröhlichen aber doch feiertäglichen Stimmung zusammetraf, und mich, so abwegig es klingen mag, auf einmal doch in so etwas Adventsstimmung versetzte.
Moschee von Bibi Heybat bei Baku

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