Kein Problem?

„In Aserbaidschan haben wir kein gender-Problem. Wir Frauen sind gleichberechtigt“, erklärt mir eine Kollegin „Wir sind kein islamisches Land.“ Die Aussage ist aus mehreren Gründen interessant: Zum ersten geht sie davon aus, dass es nur in islamischen Ländern gender-Probleme (was auch immer das im Detail sei) gibt. Mit dieser Ansicht stimmt meine Kollegin  mit eine ganzen Reihe westlicher Feministinnen überein und beweist damit die Zugehörigkeit des Landes zu Europa. Ob es allerdings tatsächlich kein islamisches Land ist, sei jetzt erstmal dahingestellt, immerhin wurde ein bekannter Schriftsteller und Islamkritiker letzte Woche bei einer Messerattacke tödlich verletzt  – und nein, Baku hat in dieser Hinsicht keine nennenswerte Kriminalitätsstatistik. Männer mit Messern laufen hier nicht einfach so rum und stechen um sich. Der in Bezug auf Frauenrechte häufig angewandte „Kopftuch-Index“ ist hier allerdings tatsächlich praktisch bei null und wenn man mal eine verschleierte Frau sieht, spricht sie in der Regel arabisch. 70 Jahre sowjetische Propaganda haben hier ihre Spuren hinterlassen. Frauen sind Professorinnen, Juristinnen, machen Karriere in der Wirtschaft und in NGOs. 
Sowjetisches Denkmal der Aserbaidschanerin, die den Schleier abwirft
Trotzdem: Männer bestimmen das Straßenbild – nicht weil Frauen nicht auf die Straße gehen, sondern weil sie sich da nicht aufhalten. Sie nutzen die Straßen, um von A nach B zu kommen. Frauen sind auf der Straße unterwegs, Männer stehen da rum und haben viel Zeit, Frauen (vor allem wahrscheinlich Ausländerinnen) zu taxieren und anzusprechen. Es ist nicht (oder selten) wirklich unangenehm, aber doch (fast) immer lästig. 
Aber das ist nur das eine: Vor wenigen Tagen fiel mir in einer Bibliothek, in der ich einen der Bakuer Schneestürme der letzten Tage abwartete, ein Band mit Statistiken herausgegeben von USAID, UNICEF und dem statistischen Komitee Aserbaidschans von 2006 in die Hände. Einige beschäftigten sich ausdrücklich mit häuslicher Gewalt und den Gründen, weswegen Männer und Frauen hier glauben, der Mann dürfe seine Frau schlagen. Hier wird es – gelinde gesagt – unschön: Mehr als 50% aller Aserbaidschaner finden Gründe, bei denen ein Ehemann zuschlagen darf. Bei den Frauen sind es kaum weniger. Am erschreckendsten fand ich, dass es vor allem ganz junge Männer sind, die das Schlagen von Frauen befürworten: Am meisten Zustimmung findet das Schlagen von Ehefrauen bei den 20-24jährigen (63,9%), gefolgt von den 15-19%jährigen (63,1%). Bei den 45-49jährigen Männern sind es „nur“ 50%. Am ehesten berechtigt zuzuschlagen glauben sich die Herren, wenn sie mit ihrer Frau streiten (55% der 20-24jährigen) oder wenn diese das Haus ohne ihre Erlaubnis verlässt (46,3% derselben Altersgruppe, 32% der 45-49jährigen). 10,7% der jüngeren Männer finden es berechtigt, ihre Frau zu schlagen, wenn sie das Essen anbrennen lässt (5,2% bei den älteren). Interessanterweise rangiert die Verweigerung, mit ihm zu schlafen, als Grund für das Schlagen von Frauen gar nicht soviel höher (15,7% bei den jüngeren, 8,2% bei den älteren).
Straßenszene - wer findet die Frau?
Ist das nun Großsprecherei von (Spät-)Pubertierenden? Oder wächst da eine neue Generation heran? Wäre interessant mal die Daten von heute zu haben.
Unsere geplante WG-Party wird übrigens ohne meine oben zitierte Kollegin stattfinden. Als unverheiratete Frau lebt sie mit Mitte Dreißig natürlich noch bei ihren Eltern und es wäre ungehörig nach zehn nach hause zu kommen. Aber  vielleicht immer noch gesünder als zu heiraten.

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