Bauboom Baku

Ein paar Monate war ich nicht in Baku und schon habe ich das Gefühl, manche Ecken kaum wiedererkennen zu können. Der Bauboom, der die Stadt beherrscht, ist ungebrochen. An jeder Ecke der Innenstadt wird dem, der es noch nicht mitbekommen hat, unverständlich klar gemacht: Baku ist reich. Nicht reich im Sinne von „Wir haben ein bisschen mehr Geld als unsere Nachbarstaaten“, sondern im Sinne von „Unser Öl sprudelt schneller als wir den Gewinn ausgeben können“-reich. Entsprechend werden große Träume geträumt, vom künftigen „Dubai of the Caspian“ ist hier oft die Rede.
Zweimal Neubau: Flame Towers und Hotelbau vom Bulvar aus
Manche der Neubauten haben durchaus ihren Witz, wie die riesigen Flame Towers, die die Bucht nun überragen, und in ihrer geschwungenen Form an Flammen erinnern sollen. - Wir erinnern uns: Aserbaidschan ist das „Land des Feuers“. Einmal vermutlich wegen des entlang der aserbaidschanischen Küste immer wieder austretenden Erdgases, das sich an der Oberfläche entzündet und natürliche Feuer bildet (bzw. bildete, das meiste wird natürlich heute so abgebaut, dass nicht mehr einfach so austritt), zum anderen wegen der Zoroastrier, die gerade wegen dieser natürlich Feuer nach Aserbaidschan pilgerten und in der Nähe von Baku einen Ateşgah (Feuertempel)
Ur-Flame Tower: Ateshgah nahe Baku
errichteten. Zweifellos irgendwann mal ein imposantes Gebäude, das jetzt aber etwas verlassen zwischen Ölpumpen und Fördertürmen bei einem Dorf nicht weit von Baku steht. Wirkt natürlich lange nicht so pompös, steht dafür schon ein paar Jahrhunderte, während die heutigen Flame Towers schon vor der Fertigstellung ein Problem haben: Gerade ist angeblich Baustop, weil der Hang nachgibt...
Detail an noch unfertigen Neubau
Abgesehen von solchen unliebsamen Kleinigkeiten kann der Bakuer Bauboom viele Formen annehmen: Groß und vor allem hoch ist immer Bedingung, aber davon abgesehen sind die Fassaden nicht ausschließlich Glas und Beton, wie es auf den ersten Blick vielleicht aussieht. Stattdessen werden sämtliche Baustile gemixt, zeigen sich die erstaunlichsten Jungendstil- und Klassizismuszitate an den modernen Fassaden, und mancher Neubau gibt sich nur durch seine unpassende Größe als solcher zu erkennen, so sehr ist man bemüht, ihm den Anstrich eines Prunkhauses des 19. Jahrhunderts zu geben – und die Bauten, die um 1900 Baku entstanden, waren als solche schon eindrucksvoll, schließlich war Baku um diese Zeit des Ersten Ölbooms eine der reichsten Städte der Welt und wollte das damals wie heute repräsentiert sehen. Zu allem Überfluss sind die heutigen Bauherren nicht die ersten, die mit den alten Formen spielen – auch sowjetischen Architekten griffen schon die früheren Formen auf und monumentalisierten sie. 

"Antike"Vase, heutige Version
"Antike" Vase, sowjetische Version
Es dauerte eine Weile bis ich mich so weit eingesehen hatte, dass ich relativ sicher zwischen den verschiedenen Epoche und ihrem sich immer wieder (absichtlich oder unabsichtlich) gegenseitigen Zitieren unterscheiden konnte. Zum Glück verbindet alle Architekten eine nachkommenfreundliche Liebe zum Datieren: oft findet man irgendwo eine Jahreszahl.

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