Revolutionsrückblick

Vor einem Monat wurde Nikol Pashinyan neuer Ministerpräsident Armeniens. Erst? Schon? Dass mein Zeitgefühl gerade etwas durcheinander ist, erwähnte ich ja schon. Aber heute krame ich mal in der Erinnerung.
Die letzten zwei Abende vor Pashinyans Wahl habe ich in Cafés und auf den Straßen verbracht, im Gespräch mit jungen Leuten über ihre Erfahrungen und Hoffnungen in der Revolution. Ein kleines Nebenprojekt, das mir viel Spaß gemacht hat. Das Ergebnis: So viel Hoffnungen. So wahnsinnig viel Enthusiasmus. So viel neuen Glauben an sich selbst. Auch wenn das Wahlergebnis noch nicht feststand, alle waren im Rausch einer unglaublichen Erfahrung, die ihnen Selbstbewusstsein und Hoffnung gegeben hatte. Jetzt wird sich alles ändern. An den Universitäten wird es keine verkauften Noten mehr geben, dafür freies Denken, offene Diskussionen und Klopapier. Frauen waren gleichberechtigt auf den Straßen, Menschen, die Feministinnen sonst beschimpft haetten, hätten Seite an Seite mit ihnen gekämpft. Die Erfahrung der Einigkeit aller Armenier gehörte auch schon zu den Mythen, die sich um diese Revolution rankten, während sie noch in vollem Gange war. Es schien fast egal, ob Pashinyan nun wirklich Ministerpräsident werden würde und was er dann machen würde. Wichtig war in diesen Nächten vor de
Kappen und T-Shirts - er ist
überall. (und ja, ich kann es lesen!)
m endgütigen Sieg die Überzeugung, dass sich eigentlich schon alles geändert habe. Man wisse nun, dass man alles erreichen könne und dieses Wissen würde man wenn nötig auch gegen die aktuellen Helden einsetzen. Das Volk bestimmt.

Was ist davon einen Monat späer geblieben? Der kurzzeitig aufgeflammte Personenkult ist (zum Glück) abgeflaut und die Stimmung ist ... schwer zu beschreiben.  Nein, von grosser Enttäuschung kann man nicht sprechen. Eine leichte Resignation vielleicht? Ein mühsam aufrecht gehaltenes: "Er wird schon wissen, was er tut"? Eins ist klar: Schnelle Reformen wird es nicht geben. Wunder schon gar nicht. Das ist gut. Einerseits. Andererseits fühlt es sich schon komisch an, wenn die politischen Gefangenen der vergangenen Ära von einem, der einmal zu ihnen gehörte, nicht freigelassen werden, weil ja alles nach Recht und Gesetz gehen soll, und da muss jeder Fall überprüft werden (Entlassung auf Bewährung bzw. bis zum neuen Urteil gibt es wohl nicht). Das ist sicher ein wichtiger Schritt um zu demonstrieren, dass die Zeit der Willkür vorbei ist. Wenn aber gleichzeitig ein Bürgermeister, der offensichtlich eigenhändig während der Proteste Demonstranten verprügelt hat, vermutlich ohne Strafe davonkommt, weil der Richter zur selben Partei gehört, dient das nicht gerade dazu, das Vertrauen in die Justiz zu erhoehen - dabei waere das nach der letzten Umfrage des Caucasus-Barometers, wo die Justiz gerade mal 3% "Vollstes Vertrauen" genoss (das entspricht vermutlich dem Prozentsatz befragter Richter und Staatsanwälte). Auch, dass der durch zivilen Ungehorsam an die Macht gekommene Ministerpräsident nun bittet, auf Proteste gegen den Minenbau zu verzichten, um es ihm leichter zu machen in der ersten Zeit, löst bei vielen ein leichtes Unwohlsein sein. Denn es ist keinesfalls sicher, wann und von wem die Vergabe der Minenkonzessionen unter der vorherigen Regierung überprüft werden wird und man durchaus damit rechnen muss, dass die Mine in der Zwischenzeit anfängt zu arbeiten. "Am Ende bleibt von der ganzen Revolution nur, dass wir überall Parkgebühren zahlen müssen, weil die Verkehrspolizisten nicht mehr bestechlich sind", vermutete eine Kollegin schon. Als Fußgängerin mit Kleinkind in dieser Stadt finde ich das durchaus eine Revolution wert. Und nicht alles umzuwerfen und die alte Garde völlig vor den Kopf zu stoßen, ist ebenfalls sicher nicht falsch, denn so weit her ist es mit der Einigkeit aller Armenier nun auch wieder nicht. Erste Gräben zwischen "jetzt aber endlich Ergebnisse" und "es war doch nicht alles schlecht" ziehen sich schon durch unsere Teeküche. 
Mir geht es wie den meisten, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe: Wir wollen noch an den Erfolg glauben. Es muss einfach gut gehen. Im Gegensatz zu den meisten Armeniern bin ich aber auch noch naiv genug, an Neuwahlen zur Legitimation einer neuen Regierung zu denken. Das mit der Legitimation durch Wahlen finden hier viele sehr naiv. Aber ein ehemaliger Oppositionsführer, der seine Regierung darauf aufbaut, dass er für vieles keine absolute Mehrheit im Parlament braucht, weil sein totalitärer Vorgänger sich entsprechende Vollmachten gesichert hat - nein, das finde ich nicht ok. Vielleicht ist es nur, dass ich ihm auch die Regierungsbildung schon übel nehme: Armeniens neues Kabinett sieht ungefähr so aus wie die Führungsriege von Seehofers Heimatministerium. Als Preussin und Wahl-Kaukasierin muss ich sagen. dass ich von einem gerade 43 gewordenen Armenier in Bezug auf Frauenquote mehr erwartet hätte als von einem fast 70jährigen Bayern, aber da habe ich mich wohl leider getäuscht. Hmpf. 
Übrigens: Das öfter und ernsthaft geforderte Klopapier an der Uni gab es neulich auch wieder nicht. Noch mal Grmpf. Hoffentlich klappt es wenigstens mit den freien Diskussionen. Die sind ja auch billiger.

Mangelnde Präsenz kann man dem neuen Ministerpräsidenten jetzt nicht vorwerfen.


Hier noch mal der Überblick über alle meine Revolutionstexte:

Der Anfang 
Es spitzt sich zu
... und noch weiter zu
Wow.  Rücktritt.
Und nun?
Doch nicht so einfach
Generalstreik (aber ohne uns)
Sieg!

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