WmdedgT?


Mal wieder Tagebuchbloggen für Frau Brüllen und ich bin ja auch immer ganz froh, wenn ich selbst eine Idee bekomme, was ich eigentlich den ganzen Tag mache.

Also:
7:00 Ich stehe auf, aber das Reisekind lässt sich auch um kurz vor acht noch nicht wecken (kein Wunder, wenn man noch bis zehn rumtobt - ich wollte auch nicht aufstehen!) und nach einem halbherzigen Versuch gebe ich auf und übergebe heute mal ein fest schlafendes Kind. Fühlt sich nicht richtig an, scheint aber richtig gewesen zu sein, denn Nanny und die noch bis zum Wochenende hier seiende Oma erzählen später begeistert von einem zufriedenen und ausgeschlafenen Kind. Hach ja, würde ich auch gerne mal erleben...
8:10 Weil es morgens so glatt ging, habe ich unerwartet Zeit und kann auf dem Weg zum Büro-Shuttle noch im Supermarkt einen Salat für Mittags holen. Ich fange noch richtig an, mich gesund zu ernähren.
9:00 Im Büro. Mein Hauptjob hier scheint ja das Trösten von Kolleginnen am Nervenzusammenbruch zu sein. Heute: Kaffeetrinken mit der Verantwortlichen für das Projekt gegen häusliche Gewalt. Der nette Professor, den sie für einen Workshop einladen wollte/musste, riet ihr, das Thema fallen zu lassen, denn so würde sie nie einen Mann finden. Vielleicht würde sie sich dann auch in einen verlieben, der solch traditionelle Werte wie das Verprügeln seiner Frau hochhalten würde und mit ihm glücklich werden. Sie fand die Aussicht erstaunlicher Weise nicht so überzeugend. Der Typ treibt sich wegen einer anderen Veranstaltung gerade im Nachbargebäude rum und meine Kollegin entwickelt eine ausgesprochene Paranoia, er könne noch mal hier auftauchen.
9:50 Ich bastel etwas an den inhaltlichen Teilen des Friedensprojekts. Nachdem gestrigen Gespräch mit den Wissenschaftlerinnen, die die Vorstudie gemacht haben, fühlte ich mich richtig inspiriert, aber Antragsformulare und Inspiration gehen nicht so richtig zusammen. Schade eigentlich. Nebenbei beantworte ich einige Mails bzw. fordere Antworten auf meine ein.
11:30 Nächster Kaffee mit der Kollegin vom Häusliche Gewalt - Projekt. Zwei der Psychologinnen, die mit Gewaltopfern arbeiten können leider nicht zum geplanten Workshop kommen - ihre Männer erlauben es nicht. Sie betonen aber mehrfach, das sei für sie völlig ok, sie sähen sowieso kein Problem. Wenn man anfängt zu denken "Zum Glück muss ich mich nur um den Frieden zwischen Armeniern und Aserbaidschanern kümmern" stimmt was nicht.
12:00 Pünktlich zu Mittag habe ich einen Heisshungeranfall und stürze mich auf meinen Salat. Mit mühsam wieder leeren Mund erkläre ich nebenbei, dass ein Jahresbericht 2017 Jahresbericht 2017 heisst, weil er das Jahr 2017 zusammenfasst. Zahlen von 2009 haben nichts darin zu suchen. Die Sekretärin ist glücklich und bittet mich, dass noch mal einer Kollegin zu erklären. Ich brauche mehr Kaffee.
12:40 Das Gespräch mit der Kollegin lief nicht so richtig gut. Sie macht das immer so und noch nie habe jemand aktuelle Zahlen von ihr verlangt. Tja, ich habe es immerhin versucht.
Ich arbeite an meinen Sachen weiter.
14:35 Ahhh... jetzt hat mich der besagte Professor erwischt und erklärt mir, dass ich doch als Deutsche sicher auch ein Projekt gegen häusliche Gewalt unsinnig fände, schließlich wären in Deutschland Kultur und Traditionen sogar soweit gesetzlich geschützt, dass muslimische Männer ungestraft jede Frau vergewaltigen dürften, weil das nun mal ihre Kultur sei. Ich höre diesen Blödsinn seit Jahren und habe immer noch keine höfliche Version von "Auch wenn das alle russisch sprachigenen Medien seit Jahren verbreiten, ist es trotzdem Schei?e." Zum Glück stürzt er sich dann wieder auf meine Kollegin und ich beschließe, die Flucht zu ergreifen. Manchmal muss man im Dienst der geistigen Gesundheit einfach Abstand gewinnen.
15:30 Im Marshrutka nach Yerevan sehe ich, dass ich eine SMS der deutschen Botschaft habe: Sie überprüfen die für den Krisenfall (Krieg, Erdbeben, Atomunfall - ach, was weiß ich) hinterlegten Telefonnummern. Ich solle aber nicht auf die SMS antworten. Hilfe. Jetzt setzt bei denen auch noch die Logik aus.
16:10 Zuhause. Reisekind will Obst und eigentlich raus, dann aber wieder doch nicht und wir vertrödeln eine gute Stunde. Als sie dann glücklich versucht, ihre Schuhe anzuziehen, checke ich noch mal meine Mails. Puhh:
17:15 Eine Mail im Spamordner rettet wenigstens meinen Glauben an das Krisenmanagement des Auswärtigen Amtes: Wenn ich heute keine SMS der Botschaft erhalten habe, solle ich mich bei ihnen melden.
17:40 wir sind draußen und beschließen spontan, ein Burgerlokal hier in der Nähe zu probieren.
18:45 Das war eine gute Idee. Alle satt und relativ entspannt. Das Reisekind darf noch etwas an der Tamanyan-Statue vor der Kaskade rumtoben, will aber schnell in den Wagen - sollte es etwa müde sein?
20:00 Nein, natürlich nicht. Es wird noch etwas über eine Stunde im Bett gezappelt und sich selbst immer wieder aus dem Schlaf gerissen, bis ich am liebsten nur noch schreien würde. Jaja, ist halt eine Phase.
Gute Nacht.

Kommentare

  1. Das hier ist mein Liebling unter den durch Frau Brüllen entdeckten Blogs. Bitte lange weitermachen (generell werden viele Blogs stillgelegt, wenn ich mich gerade an sie gewöhnt habe, was sehr gemein ist)!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich tu mein Bestes. Mir verschwinden auch immer wieder liebgewonnene Blogs, bevorzugt dann, wenn sie angekündigt haben, sich jetzt "professionalisieren" zu wollen. Deshalb wage ich mich auch an den Schritt gar nicht erst ran...

      Löschen

Kommentar veröffentlichen