Nach der Revolution ist vor der Revolution

25.4.
Es war eine kurze Atempause, mehr nicht, ein Moment der Ruhe zum Gedenken (und - wie ich vielen wünsche - auch zum Krafttanken), dann war es schon wieder vorbei. Im Shuttle wird eine Liste diskutiert, welche Supermärkte welchen Oligarchen gehören und wo man nicht mehr einkaufen soll. Natürlich ist klar, dass mit dem Rücktritt Serj Sargsyans (welche Umschrift hatten ich eigentlich bisher? Oder besser: wieviele? Ach, auch egal) nicht alles gut ist. Die Republikanische Partei ist immer noch an der Macht, hat - auch nach dem ihr Koalitionspartner das möglicherweise sinkende Schiff verlassen hat - noch die Mehrheit im Parlament und will am 1. Mai hier den Premierminister wählen. Aus ihren Reihen natürlich. Die Reaktionen auf diese Ankündigung sind gelinde gesagt aggressiv. Das ist nicht das, wofuer gekämpft wurde. Wie realistisch die Chancen sind, dass ganze sechs Abgeordnete abtrünnig werden und gegen den eigenen Kandidaten stimmen? Manche glauben daran. Aber schon werden auch die ersten Risse deutlich, die ersten, die meinen, jetzt sei aber mal genug. Das "Wir sind uns einig", das mir am Montag noch begegnete, als ich unvorsichtiger Weise sagte, der Genozid-Gedenktag könne doch einigend wirken, ist offensichtlich schon vorbei.
Mittags: Ich bin im Büro und wir werden alle unruhig, denn es scheint als würden die Straßen wieder gesperrt werden. Als dann auch noch die Telefonverbindungen fast völlig zusammenbrechen, ist an arbeiten nicht mehr zu denken. Ich warte trotzdem noch auf den Chef, der mir anbietet, mich mitzunehmen. Er wohnt am nächsten an mir dran und es scheint mir am sichersten, so weit wie möglich mit jemanden, der die armenischen Nachrichten versteht, unterwegs zu sein. Letztendlich ist es halb so schlimm - die Straße Ejmiatsin - Jerewan ist gespenstisch leer, aber wir kommen bis fast in die Innenstadt, bevor wir gestoppt werden. Auch nichts besonderes, einfach die üblichen Straßensperren. Der Chef gibt mir noch auf den Weg, ich solle noch etwas Milchprodukte einkaufen, die würden als erste weg sein, wenn die Straßensperren nach Jerewan zu viel würden. Morgen haben wir frei, er will erstmal wissen, wie es weitergeht. Ob wir das morgen wissen? Auf einmal scheint alles unsicherer als bisher.


Allmaehlich wird es langweilig mit den Bilder von Strassensperren.
Ich denke wir haben das "50 Ways to Block a Street" geschafft.
 

26.4.
Die Demonstrationen sollen erst um zwölf weitergehen, also nuzten wir den Vormittag für den Park und Pfannkuchen essen gehen. Durch die wieder aufflammenden Demonstrationen geht es nach hause. Der ganz große Schwung scheint etwas verpufft zu sein. Aber immerhin begegne ich der "I'd rather be topless" - Frau - einer der hiesigen Ikonen ds Protests, einer Mutter, die mit einem superteuren Jeep und eben der Aufschrift "I'd rather be topless' durch die Strassen kurvt, während ihre Kinder aus dem Dach hängen und Protestparolen brüllen. Ich hoffe, es war abgesprochen, dass sie dem jungen Mann ins Auto fährt, um die Kreuzung zu blocken. Sonst ist sie auch nur ein Oligarchen-A... die kichernd da steht, weil ihr Auto so was ja locker abkann, das andere aber einen Totalschaden hat.
Später lese ich, dass bei einem Unfall bei einer Straßensperre ein Kleinkind ums Leben gekommen sein soll. Es gab so viele Fakenews in den letzten Tagen, dass ich nichts mehr glaube. Möglich ist es. Kann aber auch ein Versuch sein, Demonstranten anzuschwärzen.  Pashinyan verbietet allerdings erstmal Strassensperren mit Autos und das Abkleben von Nummernschildern.
Am Abend dann die Nachricht, dass für die nächsten Tage alles abgeblasen ist, und die Proteste am Sonntag erst weitergehen, um dann bis zu den Wahlen des Premierministers mit voller Kraft anzudauern.
Übrigens wurden bei meinem Eckladen tatsächlich die Milchprodukte knapp - ob das nun wirklich daran liegt, dass nichts mehr aus dem Umland geliefert wird, oder daran, dass die großen Supermärkte der Umgebung boykottiert werden und die kleinen Laeden mit dem Ansturm restlos überfordert sind, weiss ich nicht.



Ich verabschiede mich bis Sonntag in der Hoffnung auf ein paar ruhige Tage. 

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