Im Windschatten - (K)Ein Protesttagebuch

So, hier nun die Notizen der Tage seit Freitag, 13.4. - Oder auch: Ex-Forscherin zu Öffentlichem Raum versucht mit Kleinkind wenigstens etwas zu arbeiten.

Wochende vor dem Sturm

Am Freitag ereicht der Demonstrationszug gegen die Wahl des alten Präsidenten zum neuen Premierminister, der sich die letzten zwei Wochen von Gyumri kommend durch das Land bewegt hat (müssten wir eigentlich getroffen haben) Jerewan und die ersten paar hundert Demonstranten blockieren die zentrale Kreuzung in Jerewan, den Place de France zwischen Oper und Cascade.
Sonnabend und Sonntag sind die Proteste noch friedlich, die Abwesenheit der Polizei fast schon unheimlich: Der einzige Polizist, den ich sah, wirkte nicht, als wäre er im Dienst und spielte in einem Café am Kundgebungsort mit ein paar Demonstranten Karten. Das bedeutet aber auch, dass die Demo in einem seltsamen Vakuum stattfand: Die Demonstranten hatten die Straßen selbst abgeriegelt (und ich habe mich schon gefragt, wo die ganzen Papierkörbe und Bänke aus den umliegenden Parks hingekommen sind!) und übernahmen die Umleitung des Verkehrs selbst. Allerdings gab es auch nicht viel Verkehr, die meisten waren offenbar gewarnt und ließen die Autos stehen – sieh mal an, geht offensichtlich auch. Verblüffend, wie still eine Stadt ohne den ständigen Verkehrslärm sein kann. Fast schon unheimlich, wenn man nur die Protest-Songs der 1960er und 70er durch die Straßen hallen hört. Die Akzeptanz für den Protest muss hoch sein, wenn die nicht gerade für ihre Rücksicht berühmten Jerewaner Autofahrer den Stau in den Nebenstraßen weitgehend klaglos akzeptieren. Viele scheinen sogar die unerwartete autofreie Stadt zu genießen und nutzen die Straßen zum Ballspielen und Fahrradfahren. Auch das Reisekind kommt auf seine Kosten: Endlich mal ungestört in den Tulpenbeeten auf dem Grünstreifen rumwühlen dürfen.
Übrigens: Auch wenn die Proteste hier häufig als „Aufstand der Jugend“ bezeichnet werden: Die meisten, die gerade in den ersten Tagen auf der Straße waren, haben bestimmt schon in sowjetischen Kellner zu verbotenen Beatles-Songs getanzt, als deren erste Platten durch den Eisernen Vorhang kamen. Und (fast) alles Männer.








Montag vor dem Sturm
Selbst im Berufsverkehr blieben die meisten Autofahrer gelassen. Mein Taxifahrer hatte eine Engelsgeduld, als wir statt zehn Minuten fast eine halbe Stunde unterwegs waren und war noch verblüfft, dass sich mehr als den üblichen knappen Euro für Innenstadtfahrten zahlte. Am frühen Nachmittag machte sich dann im Büro eine leicht besorgte Stimmung breit, als bekannt wurde, dass Demonstranten die Brücken abgeriegelt haben sollen. Nach anderen Aussagen ist es die Polizei, die Unterstützern der Demonstranten den Weg in die Stadt verweigern will. Als ich (dann zu Fuß, weil kein Bus fuhr) an der Brücke an der Ararat-Cognac-Fabrik in die Stadt hoch bin, sehe ich keine Blockierer, allerdings auch kaum Autos und auch auf dem weiteren Weg die Mashtots Avenue, die zentrale Schlagader Yerevans, hoch wird klar: Jerewan steht still. Gründlich. Immer mehr Zufahrtsstraßen zur Mashtots werden mit Bänken und Mülleimern blockiert.
Als ich mit Kind noch mal rausgehe, sehe ich endlich auch mehr jüngere Menschen und Frauen unter den Demonstranten, die sich immer wieder in kleinen Gruppen auf den Straßen und in den Parks versammeln. Aber jetzt auch sehr viel Polizei. Nicht aggressiv, (noch) nicht in Kampfmontur, aber sehr, sehr präsent. Ich empfinde die Lage nicht als gefährlich, aber noch ist es hell und keiner weiß, wie die Nacht vor dem großen Wahltag wird. Vor dem Parlament kam es schon zu den ersten Ausschreitungen und einer ganzen Reihe Verhaftungen, erfahre ich über meine Facebook-Timeline. Erste Bekannte, Freunde und (ehemalige) Kollegen sind in irgendeiner Weise betroffen. Die Spannung steigt.





Dienstag - Sturm?
Heute ist Wahltag. Ich bin ohnehin zuhause, weil ich nachmittags einen Zahnarzttermin habe und da lohnt sich der Weg ins Büro nicht. So gegen elf, nach drei Stunden warten auf die Nanny und mehr oder weniger ergebnislosem Homeoffice mit Kleinkind dämmert mir, warum dieser Termin überraschend frei war: Nur naive Ausländer konnten annehmen, dass man an diesem Tag durch die Innenstadt kommt. Obwohl - ich hätte es vermutlich geschafft, hätte mich eigentlich auch gerne zumindest kurz unter die Demonstranten gemischt, aber meine Nanny hat es wegen der gesperrten Straßen nicht zu uns in die Innenstadt geschafft. Also bleibe ich unfreiwillig zuhause. Nichts mit dem erhofften Abstecher zu den Demonstranten am Justizministerium, auf dem Platz der Republik oder auch vor dem Parlament (Das Parlament hätte ich allerdings nach den Bildern von gestern wohl ohnehin gelassen.)
Da weder ich noch das Kind das Festsitzen in der Wohnung aushalten, gehen wir trotzdem raus und stoßen wieder am Opernplatz auf eine schon gespenstisch stille Stadt. Die Demonstranten haben sich Richtung Justizministerium und Platz der Republik verzogen, wo große Kundgebungen stattfinden. Wir spielen im Windschatten auf der Mashtots und ich fühle mich wie in einer Seifenblase aus Ruhe, die auch nicht davon unterbrochen wird, als sich gegen sechs die Nachricht rumspricht, dass Serj Sargsyan der neue Premierminister Armeniens ist. Hat man ja sowieso gewusst. Eigentlich seit 2015. Das einzige, worüber sich eine Frau lautstark aufregt, ist dass die Müllabfuhr seit zwei Tagen nicht kommt.

22.00 Hatte ich geschrieben die Stadt sei leise geworden? Ich nehme es zurück: Jetzt wird es gerade richtig laut. Und aggressiv. Zumindest das, was ich von meinem Balkon aus hören kann. Aber die Liveschaltungen von Freunden sehen immer noch friedlich aus und auch die meisten Nachrichten berichten nur von einzelnen Zwischenfällen. Schlimm genug. (Eine Ausnahme macht natürlich Azernews. Da sieht es so aus, als würde Jerewan brennen.)







Mittwoch - Nach dem Sturm ist vor dem Sturm?
Als die Nanny um kurz nach zehn endlich kommt, habe ich mich schon ins Homeoffice abgemeldet, bin trotzdem dankbar, dass ich wenigstens zum Arbeiten in ein Café gehen kann. Die Recherche zu einem wichtigen Antrag muss ja so oder so gemacht werden (Nicht ganz unironisch zur Situation von Gefangenen und Gefängissen in Armenien: Die Zahl der politischen Gefangenen dürfte mit den Verhaftungen der letzten Tage gerade etwas unklar sein.)
Auf dem Weg komme ich am Place de France vorbei (nicht ganz zufällig, einmal will ich auch gucken) und treffe das größte Polizeiaufgebot, das ich in den letzten Tagen gesehen habe. Trotzdem scheinen alle noch erstaunlich entspannt, im Café zwei Meter von den Herren mit den schwarzen Masken entfernt bestellen die Menschen noch ein Bier. Zu einer gewissen Ehrenrettung der Polizei muss ich sagen, dass ich noch nie so viel Erleichterung gesehen habe, wie in den Gesichtern der ganz jungen Männer einer Einheit, die die Helme abnehmen und wieder in den Bus steigen durften. 
Nein, es ist ganz offensichtlich nicht mit der Wahl vorbei.









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