Emotional, so eine Revolution

Der Morgen schien wieder ruhig, die Nanny schaffte es rechtzeitig und ich auch so gerade noch zum Büro Shuttle. In den Diskussionen im Shuttle betonte ich immer wieder, wie beeindruckt ich davon sein, dass sich die Demonstranten nicht provozieren ließen und dass ich es angesichts des aggressiven Verhaltens der Polizei und des totalen Mangels an Verständnis durch die Verantwortlichen nur zu verständlich fände, wenn bei jemanden der Geduldsfaden reißen würde. Schließlich habe jeder Mensch nur eine begrenzte Toleranz für Provokationen. Dann bewies ich diese Theorie gleich selbst, indem ich eine Kollegin anbrüllte, dass sie mich jetzt sechs Monate genervt hätte und endlich die Schnauze halten solle.* Ups.
Der Chef nutzte die Dienstbesprechung zu einer politischen Debatte und fand ungewöhnlich klare Worte gegen Serj und das Regime - ein Wunder, wenn man bedenkt, dass sich die Kirche bisher komplett hinter die Regierung gestellt hatte, und man bei uns eigentlich keine Kirchenkritik üben darf. Aber gerade das Gespräch zwischen Serj und dem Oppostionsführer gestern hat offensichtlich auch die letzte meiner eigentlich staatstreuen Kolleginnen gegen ihn aufgebracht. Nur der Kollege vom Pressereferat nutzt ist für einen anti-aserbaidschanischen Ausfall, denn natürlich ist alles von Baku gesteuert. Die anderen winken ab: Aserbaidschan interessiert heute so überhaupt nicht, dass ich auch schon wieder verwundert bin. Wirklich erstaunliche Zeiten.
Ich breche auf und lande in der Revolution von Ejmiatsin: vor allem sehr junge Menschen, vermutlich Schüler ziehen mit armenischen Fahnen und Parolen durch die Straßen, manche fahren Auto, offensichtlich teils auf dem Weg nach Jerewan, um sich den Protesten anzuschließen, teils um die Straßen zu blockieren. Dass sich das etwas widerspricht, wird in Kauf genommen. Die Stimmung ist blendend. Je näher wir Jerewan kommen, desto voller werden die Straßen. Es scheint als hätte sich das ganze Land auf den Weg gemacht, die Proteste zu unterstützen. Schlißlich gebe ich auf und laufe mit, statt mich weiter im Marshrutka durch den Stau zu stehen. Ein alter Mann von einem der Straßenkioske verteilt Wasser an die Demonstranten. Er mag auf jeden Dram angewiesen sein, aber heute will er kein Geld: "Siegt! Siegt einfach!!" wiederholt er nur. (Ich hoffe, dass man ihm trotzdem genug Geld aufdrängt)
Plötzlich fahren auf der Gegenfahrbahn zwei Panzer und ein paar Wagen mit Stacheldraht entlang. Buhrufe, Sprechchöre, dann plötzlich wilder Jubel "Sie kommen vom Parlament! Sie ziehen ab! Sie ziehen ab!!" Fast gleichzeitig spricht sich herum, dass der Oppositionsführer Nikol Pashanyan und seine Mitstreiter frei sind. Gestern noch Anklage auf acht Jahre, plötzlich frei. Und es wird noch unglaublicher: Die Nachricht, Serj habe abgedankt**, erreichte mich direkt auf der Siegesbrücke auf dem Weg in die Innenstadt. Leider war das auch der Moment an dem der Tag für mich endgültig emotional kippte: Die jungen Männer um mich herum brauchten keine zwei Minuten um aus "Komm, wir stürzen ein korruptes Regime!" auf "Komm, wir belästigen alle Frauen um uns herum!" umzuschalten. Plötzlich war ich nicht mehr ausländische Kameradin, sondern Freiwild. Nein - ich will entscheiden, mit wem ich vor Freude umarmt herumtorkeln will, von wem ich mich abknutschen lassen will und zwischen die Beine fasst mir keiner ungestraft. (Abgesehen davon, dass ich bei armenischer Generationsfolge eure Mutter sein könnte, Jungs!)
Zwischen Jubel und schon reichlich freiem Alkohol, zwischen Tanzen und Feuerwerkskörpern, unglaublicher Freude, Erleichterung und fassungslosem Glück in allen Gesichtern, war ich doch froh zuhause zu sein.
Schon eine Achterbahnfahrt, so eine Revolution. Selbst als quasi Außenstehende.









*Offensichtlich ist es die armenische Art, jemandem zu helfen, indem man ihm jede Woche mindestens einmal erklärt "Nimm nicht das Taxi zum Treffpunkt, nimm die U-Bahn! Natürlich kannst du eine Stunde früher aufstehen und eine halbe Stunde laufen!! Du bist faul!!! Mach es so wie ich sage! Nimm die U-Bahn!! Warum machst du nicht was ich sage? Ich sage, du sollst die U-Bahn nehmen." In Endlosschleife. Nach einem halben Jahr abnehmend freundlicher Erklärung, dass ich - im Gegensatz zu ihr - kein Wochenendhaus unterhalten müsse und es mir stattdessen der eine Euro fürs Taxi wert wäre, sechs statt sechzig Minuten zu brauchen (selbst zu Fuß wäre schneller als die verdammte U-Bahn!), hat es eben mal gereicht. Ehrlich: Kann sich jemand etwas Unverschämteres vorstellen, als einer alleinerziehenden, vollzeitarbeitenden Mutter einer Anderthalbjährigen permanent zu erklären, zu viel Schlaf wäre ohnehin ungesund?

** Serj Erklärung lautet mehr oder weniger "Sorry, Leute, hab mich geirrt. Machts gut" Irgendwie auch unbefriedigend nach den ganzen Drohungen der letzten Tage. 

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