Sowjetisch kuren - Jermuk



Eigentlich war die Idee bescheuert: Am Morgen nach einer Nachtfahrt von Tbilisi nach Yerevan ein paar Stunden schlafen und dann zu einer dreistündigen Fahrt in die Berge aufbrechen. Mit einem 16-Monate altem Kleinkind. Das nicht gerne Auto fährt. Das nur noch so gerade in die Babyschale passt. Aber da war das durch den Frauentag als offiziellen Feiertag verlängerte Wochenende und ich hatte Städte im allgemeinen und Yerevan im besonderen so unglaublich satt. Ausßerdem wusste ich genau, dass wenn ich den Besuch meiner Mutter nicht ausnutzen wuerde, würde ich alleine wohl erst recht nicht fahren. 
Also auf nach Jermuk. Und ich bin so froh, dass wir es gemacht haben. Die Fahrt war überraschend entspannt und der Ort wunderschön. Was in Georgien das „Borjomi“-Mineralwasser ist, ist in Armenien das „Jermuk“-Wasser: Das Mineralwasser, das eben einfach auf den Tisch gehört, wenn Gäste kommen. Dennoch, Jermuk als das „armenische Borjomi“ zu bezeichnen, wird beiden Orten nicht gerecht. Auf ueber 2000 Meter Hoehe gelegen ist Jermuk ein Hochgebirgsort. Wo Borjomi sanft und grün ist, ist die Landschaft um Jermuk schroff und karg. Die Höhe und die Entfernung von Yerevan haben dafür gesorgt, dass der Ort lange von der Außenwelt abgeschieden blieb.
Als in Borjomi die Zarenfamilie kurte, war Jermuk noch ein unbekanntes Bergnest – wie auch Jerewan noch ein staubige Provinzstadt war als in Tbilisi der russische Vizekönig Gäste aus ganz Europa empfing. Der Aufstieg Jermuks begann erst in den frühen 1950er Jahren, seit 1951 wird hier Mineralwasser abgefüllt und schnell kamen auch die typischen Sanatorien für die Werktätigen dazu. Wer sich jetzt Plattenbauten vorstellt, hat nur teilweise Recht. Gerade in der Nähe der Quellen sind teilweise aus dem dunkelgrauen Stein der Umgebung und haben die typischen sowjetisch-nationalen Dekorationen (nicht das Hyatt. Das ist offensichtliche eine moderne Scheußlichkeit. In rosa. Aber kinderfreundlich. Und mit erstaunlich preiswertem Cappuccino.)

Ganz unten abgeschnitten: Quellnymphen mit Amphore.

Am beeindruckensten ist die Anlage, in der die Kurgäste das berühmte Wasser in unterschiedlichen Temperaturen direkt von den Quellen trinken können - wobei "direkt von den Quellen" hier ein etwas falsches Bild weckt. Mit Natur hat der riesige Bau, den ich als Stalin-Klassizismus beschreiben würde (oder auch für Berliner und Brandenburger: Sanssouci, römische Bäder in XXXXL) wenig zu tun. Überraschend schön übrigens, trotz der respektlosen Beschreibung, vielleicht auch wegen des hellen armenischen Steins, den ich ja sowieso liebe (dazu irgendwann auch mal mehr). Das Quellwasser fließt in mit Marmor ausgekleideten Nischen in große steinerne Amphoren. Direkt über den Wasserhähnen sind die Wassertemperaturen in den Marmor graviert. Ich stelle fest, dass mir die kühleren Varianten besser schmecken, und generell Jermuk besser als Borjomi.
In der Trinkanlage im Stil einer römischen Thermenanlange.
Mit genauen Temperaturangaben des Wassers.

Noch heute ist der Tourismus in Jermuk weitgehend sowjetisch. In den Speisesälen der Hotels (Restaurants sind zumindest in der Nebensaison nicht existent) und unter den hohen Bögen der Trinkanlage wird Russisch gesprochen – von Georgiern und Kasachen, Armeniern und Russen (vor allem Moskauern).

Aber das wichtigste: Wir hatten Schnee! Echten Schnee. Der erste für das Reisekind nach dem ungewöhnlich milden armenischen Winter. Viel davon und frisch gefallen in der Nacht vom Freitag auf Sonnabend. Buchstäblich nicht die beste Grundlage, um mit Kinderwagen durch einen Bergort zu ziehen - obwohl Jermuk entlang der Hauptstraße erstaunlich flach ist und auf den berühmten Wasserfall etwas unterhalb des Zentrums hätten wir vermutlich auch sonst wegen unserer Schuhe verzichten müssen. Das nächste Mal dann, das es bestimmt geben wird.

Hoffentlich. Denn die Zukunft Jermuks als Kurort ist bedroht. Seit 2015 wird nur wenige Kilometer unterhalb des Ortes eine Goldmine gebaut. Angeblich vollkommen sicher, nach gründlicher Vorbereitung und unter Wahrung aller Umweltschutzauflagen natürlich. Meine armenischen Freunde rollen die Augen: Als ob in diesem Land irgendetwas nicht käuflich wäre und ein Umweltgutachten am allerleichtesten. 2018 soll die Mine in Betrieb gehen und dann hilft nur noch beten. Und angesichts der Einstellung der meisten Umweltschützer hier zu Gott bin ich nicht sicher, ob das wirkt.

Kommentare