Nicht von hier aus

Nach Reisebildern und Alltagsbloggerei wird es heute mal wieder Zeit für Politisches. Letzte Woche war eine Konferenz zu Karabach und Friedensbemühungen hier in Yerevan und so sehr ich mich gefreut habe, bei der Gelegenheit zumindest einen alten Kollegen wiederzusehen und mal wieder Vorträge von Wissenschaftlern zu hören, und so viel ich gelernt habe und beim Nachlesen der einzelnen Vorträge und Projekte noch lernen werde, so gemischt sind die Gefühle im Nachhinein doch. Schon seltsam, wenn Dialoge über Frieden nur auf einer Seite geführt werden - dann sind es eben keine Dialoge, sondern Selbstgespräche, in die man auch ein paar Außenstehende einbezieht. Das kann ja auch mal ganz sinnvoll sein, in diesem Fall bin ich mir aber nicht so sicher. Die einzige Frage, um die es ging, war, was sich in Aserbaidschan ändern muss, damit sie endlich die Republik Karabach anerkennen und es gefälligst auch akzeptiern, dass die besetzten Provinzen jetzt eben als Pufferzone auch zu Armenien (oder eben Karabach) gehören werden, und was die Weltgemenischaft tun wird, um das zu erreichen. Selbst wenn ich persönlich auch glaube, dass die Anerkennung der nun mal geschaffenen Realität durch Aserbaidschan die einzige Chance zum Frieden ist (ich betone gerne, dass Frieden in Europa auch erst möglich war, als in Deutschland keiner - naja, außer ein paar, die es immer geben wird - nach Rückgabe von Königsberg oder des Elsaß schrie), kann ich die armenische Selbstgerechtigkeit, die überhaupt keine Kompromisse oder Fehler auf der eigenen Seite sieht, schwer ertragen. Und wenn dann das rituelle "Wir haben aber auch so viel Militär und sind so stark und überhaupt verteidigen wir Karabach bis zum letzten Blutstropfen" losgeht, könnte ich dann doch weglaufen. Es ist nicht viel besser, wenn sich die beiden Seiten damit überbieten, aber dann nerven mich eben alle, und nicht nur die eine Seite. Auf einer Friedenskonferenz hat diese Rhetorik meiner Meinung nach nichts zu suchen. Aber es macht eben auch klar, wie stark der Hass und die Angst auf beiden Seiten ist.
Wenn dann ein Armenier auf die Frage, was mit den aus Karabach vertriebenen Aserbaidschanern werden solle, antwortet, er würde sich freuen, wenn Karabach so attraktiv werden würde, dass Menschen aus aller Welt, auch Aserbaidschaner, dort Bleiberecht beantragen würden, wird es dann doch ziemlich viel politisch gewünschter Realitätsverlust. Der traurige Höhepunkt war für mich erreicht, als eine armenische Wissenschaftlerin sich erkundigte, ob einer der anwesenden internationalen Wissenschaftler und NGO-Leute einen Vorschlag hätte, wie man wegen der massiven emotionalen Belastung Friedensprojekte durchführen könne, ohne Aserbaidschanern begegnen zu müssen. Das ist ja nun genau die Forderung, mit der meine armenische Kollegin und ich uns nun seit Monaten rumschlagen müssen: Frieden, ja, natürlich, aber bitte nicht mit den Feinden.
Das Beste war eigentlich der Witz, den Thomas de Waal in seinem Vortrag erzählte: Auf einer abgelegenen Straße in West-Irland fragt ein Autofahrer einen Bauern, wie er nach Dublin komme. Der Bauer überlegt eine Weile und sagt dann: "Also ... ich würde nicht von hier losfahren..." Besser kann man den Ausgangspunkt von Friedensprojekten im Kaukasus wohl nicht zusammenfassen.
Morgen fahre ich mit meiner Kollegin für einen Tag nach Tbilisi, um noch mal unseren aserbaidschanischen Kollegen zu treffen. Fünf bis sechs Stunden hin, vier Stunden Treffen, fünf bis sechs Stunden zurück. Ich hätte auch gerne einen anderen Startpunkt. In vieler Hinsicht.

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