Grenzgebiet - endlich


Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, aber wir haben es heute tatsächlich zu einer Gruppendiskussion für unser permanent vom Verbot bedrohtes Friedensprojekt nach Ijevan geschafft. (Kann hier noch jemand das Wort "Friedensprojekt" hören? Danke, geht mir eigentlich auch so.) Die Kleinstadt im Norden Armeniens, auf dem Weg zur georgischen Grenze und nur wenige Kilometer von der aserbaidschanischen Grenze entfernt kenne ich nur vom Durchfahren und nur im Nebel. Nebelig war es heute auch und auch sonst überzeugte die Stadt, die sich selbst ein recht hohes touristisches Potential bescheinigt, wenig. Vielleicht auch nur, weil wir es nicht in die lokale Wein- und Cognac-Fabrik geschafft haben. 
Stattdessen eine interessante Gruppendiskussion mit jungen Menschen aus der Stadt ueber ihr Bild von Aserbaidschanern, ihre Vorstellung vom Frieden und Kooperation. Sicher war es eine nicht ganz repraesentative Gruppe, die ueberhaupt Interesse hatte teilzunehmen, aber dennoch war die Selbstverstaendlichkeit, mit der sie davon ausgingen, dass die Menschen auf der anderen Seite der Grenze doch eigentlich wie sie seien und nur ihre Ruhe haben wollten. Eine Frage, die mich seit der Gruppendiskussion beschaeftigt: Was ist eigentlich aus dem Nationalismus geworden? Die Karabach-Bewegung begann ja als tutiefst nationalistische Bewegung, gepraegt von dem neuen armenisches Selbstbewusstsein der Perestroika-Zeit. Davon scheint wenig uebrig zu sein. Wenn nationalistische Toene kamen, dann an dem Punkt, an dem die Diskussion weg von Aserbaidschan zur Tuerkei driftete und die alte Angst und Wut ueber den Genozid und das Schweigen darueber hochkam. Aserbaidschan? Ja, mit denen liegt man irgendwie unnoetiger Weise im Krieg, ja, natuerlich wuerde man gegen sie kaempfen, wenn es noetig waere, ja, warum, ist nicht so ganz klar, Karabach? So nah an der Grenze im Norden, ist man sehr weit weg vom eigentlichen Streitgebiet und sehr nah an den kleinen Grenzscharmuetzeln, die immer wieder Tote und Angst auf beiden Seiten bringen. Wenn von Frieden gesprochen wird, ist das ein abstraktes Bild, ein Wuinschtraum, der aber nicht weiter spezifiziert werden kann - wie auch, ohen Karabach anzusprechen? Es wuerde mich wirklich interessieren, was heute in den Schulen zu Karabach gelehrt wird, denn ganz offensichtlich hatten die jungen menschen wenig Ahnung, um was es in diesem Krieg urspruenglich ging. Deshalb auch das haeufige Abgelietn in die tuerkisch-armenischen Beziehungen: Der Genozid ist deutlich praesenter als die Ereignisse vor 30 Jahren.
Heute nur schnell ein paar Nebel-Bilder, morgen mehr Bericht. Insgesamt waren über vier Stunden Fahrt durch die Berge insgesamt doch ziemlich anstrengend. 


Das Riesenrad in der sowjetischen (Klein-)Stadt ist ein eigenes Forschungsthema.
Nirgendwo habe ich noch so viele in verschiedenen Stadien des Verfalls gesehen wie in Armenien.





Unser Forscherteam hatte es dann uebrigens eilig, wieder nach Yerevan zu kommen. Nicht wegen des Wetters, sondern weil "heute doch der erste Maerz ist, da wollen wir noch zu einer Demo." - "Demo?" - "Ja, heute ist doch der 1. Maerz." Ok, ich bin immer noch nicht sicher in moderner armenischer Geschichte, aber jetzt weiss ich: Am 1. Maerz 2008. also vor genau 10 Jahren, wurden Demonstrationen wegen Verdacht auf Wahlbetrug (nehmen wir mal an, berechtigt) so blutig niedergeschlagen, dass zehn Menschen starben. Am meisten erstaunte mich wieder die Formulierung "Meine Regierung hat zehn Menschen umgebracht." Ich spreche trotz wesentlich kleinerer Kritikpunkte eigentlich nie von "meiner Regierung", sondern von "der deutschen Regierung", aber hier herrscht trotzallem doch eine recht hohe Identifikation. (Ok, wie mich eine Freundin gerade erinnerte, wir haben doch gerade sowieso keine.)

Kommentare