Zahlen, bitte!

Gerade ist nicht viel los ist in meinem Leben - zumindest keine interessanten Ausflüge, Kurz- oder längeren Reisen. Das ist besonders ärgerlich, weil nach dem praktisch nicht existenten Winter hier (trotzdem zu kalt in meiner Wohnung), nun schon eine Ahnung von Frühling in der Luft liegt und alles in mir unruhig wird. Aber vor Ende Februar geht es noch nicht wieder los und solange kann ich ja meine Leser weiterhin mit "Was ihr noch nie über den Kaukasus wissen wolltet" quälen - zumindest, solange ich noch Leser habe.
Letzte Woche war ich bei einer Veranstaltung des Caucasus Research Ressource Centers (CRRC), das das neue Caucasus Barometer vorstellte und seit heute sind die Zahlen auch für alle online einsehbar. Das Caucasus Barometer stellt seit 2008 jährlich in allen drei südkaukasischen Ländern - seit 2013 nur noch in Georgien und Armenien und alle zwei Jahre - zufällig ausgewählten Personen so indiskrete Fragen wie, was sie beispielsweise in den letzten Monaten mindestens einmal getan haben (54% waren zum Beispiel wenigstens einmal in einem Restaurant, wesentlich wenihger im Kino oder Theater - bei dem Angebot auch kein Wunder!) ob sie es gut fänden, wenn eine Armenierin einen Georgier (Aserbaidschaner, Russen, Juden, Italiener...) heiraten würde oder wen sie nicht gerne als Nachbarn hätten (Falls es jemand gleich wissen will: 27% der Armenier wollen keine Drogenabhängigen in der Nachbarschaft,  Homosexuelle und Kriminelle sind nur geringfügig beliebter mit je 21% und 26% wollen keinen der genannten als Nachbarn. Tolerante Gegend für LGBTI hier.)

Letztendlich war die Präsentation und vor allem die mitgelieferten Erklärungen interessanter als die Daten als solche, vor allem da, wo Interpretation und Daten für mich doch in einem ziemlichen Widerspruch standen. So hieß es, das Vertrauen und die Unterstützung der Bevölkerung in die Armenisch-Apostolische Kirche wäre extrem hoch. Da ich ja nun außerhalb des Büros hauptsächlich mit Menschen zu tun habe, die von dem Verein gar nichts halten, war ich verblüfft, dachte aber, dass ich eben nur einen speziellen Teil der Armenier kenne (darunter eben auch einige, die 21% ihrer Landsleute nicht als Nachbarn haben wollen). Nun stelle ich fest, dass nur 50% der Religionsgemeinschaft, der sie angehören, vollkommen vertrauen. Auch wenn das vermutlich zum größten Teil die Apostolische Kirche ist, ist das nicht mal notwendiger Weise gemeint, und es haben auch nur 41% der Kirche gespendet. Vor allem angesichts von 42%, die an nicht-kirchliche Wohltätigkeit gespendet haben, sieht überwältigendes Vertrauen und Unterstützung dann doch anders aus. Andererseits haben religiöse Institutionen damit nach der Armee (52%) noch das höchste Vertrauen - die Gerichte kommen auf ganze 3% vollstes Vertrauen (und 32% vollstes Misstrauen), die Regierung muss sich mit 5% vollstem Vertrauen begnügen (bei 36% kompletten Misstrauens) und in die Polizei haben immerhin 7% vollestes Vertrauen und nur 28% komplettes Misstrauen. Manchmal frage ich mich schon, warum das Land noch funktioniert. Aber auch darauf hat der Survey gewissermaßen eine Antwort: 31% der Bevölkerung gehen demnach ohnehin davon aus, dass es für sie egal ist, ob sie in einer Demokratie leben oder nicht, und 46% glauben sowieso nicht, dass sich je etwas ändern wird.

Da hilft auch die verstärkte Internetnutzung nicht, die von den Organisatorinnen als Verbesserung stark hervorgehoben wurde: Ganze 7% haben in den letzten sechs Monaten eine Online-Petition unterzeichnet, 21% ein Kommentar online zu einem wichtigen Thema abgegben (was auch das Brautkleid der besten Freundin gewesen sein kann - "wichtig" ist ja nun relativ). 
Ein Hinweis darauf, dass es bei aller Apathie doch auch gärt, zeigt die breite Zustimmung, die die Gruppe, die im Sommer 2016 in Yerevan eine Polizeistation besetzte und Geiseln nahm (das habe ich hier schon nicht wirklich verstanden): 21% stehen vollkommen hinter den Geiselnehmern, nur 5% verurteilen sie komplett.

Eine Enttäuschung für mich war, dass die Zahl der Befragten fast schon lächerlich wenig war: 1648 befragte Haushalte sind selbst angesichts der pessimistischen Schätzung von gerade mal 2 Millionen in Armenien lebenden Armeniern schon sehr wenig. Wenn dann auch noch  32% der Befragten aus Yerevan und 31% aus anderen Städten (welche anderen Städte?!) stammen, mag das zwar der armenischen Bevölkerungsverteilung entsprechen, es stellt sich aber schon die Frage, ob ein Survey, aus dem man - wie auch immer wieder betont wurde - auf Grund der Datenmenge wenig bis keine Aussagen ueber die Ansichten der Bevolkerung in einzelnen Regionen des Landes machen kann, noch sinnvoll ist. 

Trotzdem macht Spaß mal durch die Fragen zu stöbern, selbst wenn die Zahlen nur begrenzt repräsentativ sein können. Wem es also nicht reicht, was ich hier zusammengefasst habe: unter http://caucasusbarometer.org/en findet man mehr. 

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