Sowjetisch Yerevan

Trotz der hier so stolz verkündeten Tatsache, Yerevan sei 2799 Jahre (und fünf Monate) alt, die gerade nach der Aussage des aserbaidschanische Praesidenten, Yerevan wäre eigentlich aserbaidschanisch, immer wieder betont wird, ist Yerevan im Erscheinungsbild eine sehr junge Stadt. Was man hier "Altstadt" nennt (und was gerade Hochhäusern weichen muss) sind einzelne Häuser aus der Russischen Kolonialzeit.

Gestatten: Tamanyan. Wie es sich für einen echten Architekten gehört am Zeichentisch.
Wie es sich für einen echten Hedlen gehört, überlebensgroß.
Im Hintergrund die lange nach seinem Tod begonnene Kaskade.

dealstadtplan von Yerevan am Tamanyan-Denkmal.
Nein, ich verstehe ihn auch nicht ganz, aber die Ringe sind schön deutlich zu sehen.

Die heutige Anlage stammt aber aus den 1920er Jahren als der armenische Architekt Alexander Tamanyan der Ausbau der Stadt zur Hauptstadt der jungen Sowjetrepublik Armenien leitete. Seine Pläne wurden zum Bedauern seiner Verehrer nie vollkommen umgesetzt - möglicherweise weil er schon 1936 starb. (Allerdings ist zu befürchten, dass er als ein führender Intellektueller  einer Sowjetrepublik das Jahr 1937 wohl ohnehin nicht überlebt hätte). Trotzdem ist Yerevan von seiner Idee einer Gartenstadt mit Ringen aus Parks um die Innenstadt ebenso geprägt wie von der von ihm angelegten Achse von der Cascade zur Northern Avenue, über den Opernplatz, der ein kulturelles Gebäude zum unbestrittenen Zentrum der Stadt macht. Auch die Oper selbst ist von ihm entworfen. Das ganze folgt der berühmten Forderung "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" (deren Herkunft ich für die Diss klären sollte und dabei festgestellt habe, dass das wohl eine eigene Diss wäre) - national ist auf jeden Fall der gelbe, goldene, rote Stein, der in der Stadt so auffällt (Außer an der Oper. Die ist grau), sowie die vielen Reliefs mit Weintrauben, Granatäpfeln und Pfauen, letztere angeblich ein heidnisches Symbol, vielleicht aber auch einfach nur persisch? Aber ich will ja keine großen politischen Dramen anzetteln. Heute mal nicht. Im Gegenteil: Ich kann nur immer wieder betonen, wie groß die Lebensqualität in Yerevan gerade wegen des Parkrings ist, aber auch wegen der ohnehin sehr typisch früh-sowjetischen Blockrandbebauung mit den grünen Innenhöfen. Dass der große Architekt (und andere sowjetische Stadtplaner) die harten Jahre nach der Unabhängigkeit, in denen viele Bäume verheizt wurden, ebenso wenig vorhersehen konnten, wie den heutigen Autoverkehr, der die Luft verpestet und "Parkflächen zu Parkplätzen" betreibt, sei ihnen verziehen.



Stilisierter Pfau an der Kaskade.
Granatäpfel und Weintrauben an der Oper.

Den großen Träumen der Stadtplanung widmete sich nun eine Ausstellung mit dem schönen Titel "Capital of Desires" im neueröffneten Goethe-Institut in Yerevan. Nachdem ich die Eröffnung kurz vor Weihnachten wegen der überstürzten Tbilisi-Reise nicht geschafft habe, habe ich es wenigstens zum Abschluss kurz hingeschafft und dabei auch mal den deutschen Lesesaal kennengelernt. Die Ausstellung war - nun ja. Ich kann mit diesen Kunstausstellungen, die so wirken, als wären sie deshalb künstlerisch, weil man kein Material hatte und weder Zeit noch Lust, um sich über Texte Gedanken zu machen einfach nicht. Plakativ ein paar Thesen hinknallen, ein paar Bilder kommentarlos in den Raum verteilt, Multimedia durch ein paar Video-Dia-Installationen - und nun? Aber ich bin nun mal konservativ in Ausstellungsdingen, und wenn ein Erklärungssatz über zwölf Zeilen geht, weiß ich nicht, ob ich in Begeisterung ausbrechen soll (Cicero mochte ich schon immer!) oder doch mal jemanden für die Besucherfreundlichkeit empfehlen soll. Gefallen hat mir, wie grosse Spiegel genutzt wurden, um die Strasse in den Raum zu holen. Die Idee kann ich hoffentlich mal klauen.


Typisches Haus an einem Platz in Yerevan. So entstehen Plätze, die einen schönen Raumeindruck machen würden,
wenn der Verkehr etwas Ruhe zum Betrachten ließe. Die Planer rechneten wohl auch eher mit Lenin-Zitaten
als mit Bankenwerbung auf dem Dach.

Nichts für die Bauzaun-Sammlung, sondern der Sichtschutz eines Cafés, aber eine schöne Homage an
sowjetische Bauten Yerevans - Das Handschriftenmusem (links) und das Kino Moskau (rechts).

Dieser Post sollte vor allem ein Bilder-Post werden, aber das muss jetzt warten - das Internet macht mich heute wahnsinnig.

PS: Als ich gerade noch ein paar Informationen zu Yerevan nachgeguckt habe, bin ich darauf gestoßen, dass es noch ein ganz altes Viertel aus dem 17. Jahrhundert geben soll, das auch noch bei mir nebenan sein soll. Vielleicht schaffe ich da ja die nächsten Tage mal einen Spaziergang hin. Das ist doch bestimmt etwas für das Reisekind, das bisher nur Sowjetarchitektur kennt, oder?

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