Ich arbeite im Kloster

- naja, am Rande. Aber doch, tatsächlich noch in den Mauern der berühmten Klosteranlage von Etschmiatsin, ca. 30 Minuten von Yerevan entfernt. Seit 303 soll hier eine Kirche stehen, die der Apostel und erste Katholikos der Armenier, Gregor der Erleuchter, erbaut haben soll, seitdem residieren die  Katholiken (ist das der richtige Plural? Vermutlich nicht) aller Armenier hier, und zumindest seit einigen Jahrhunderten werden sie auch vor der Kirche bestattet. 1999 sahen wir hier ein frisches Grab, damals war die Trauerzeit für den jüngst verstorbenen Katholikos noch nicht abgelaufen. Der Nachfolger ist für viele Ältere immer noch "der Neue", der nicht an den Vorgänger, der das Land durch die späte Sowjetzeit und die ersten Jahre der Unabhängigkeit (spirituell und wohl auch ziemlich praktisch) geführt hat, heranreicht. An Etschmiatsin und dem Katholikos zeigt sich fuer mich immer wieder das ambivalente Verhaeltnis zumindest vieler Armenier in meinem Umfeld zur Kirche: Ja, man ist stolz, zur ersten chtistlichen Nation der Welt zu gehören. Man trägt auch mal Kette mit Kreuz und bekreuzigt sich, wenn man einer Kirche vorbeikommt - aber Kirche als Institution und dem Katholikos stehen die meisten mit Skepsis gegenueber. Oder wie es eine der eher konservativ-gläubigen Freundinnen in meinem Umkreis ausdrückte als ich ihr erzaehlte, ich würde in einer Organisation arbeiten, die der Kirche nahestuünde und soziale Arbeit machen wuerde "Die apostolische Kirche? Sozialarbeit? Da kannst du nicht viel zu tun haben. Da kannst du bei uns am Institut noch ein BA-Seminar anbieten." Trotzdem sind Kirche und Klosterareal immer gut besucht.


Das neue Tor zur Klosteranlage. Offensichtlich zum 1700jährigen Jubiläum der armenischen Kirche gebaut - ich fragte, ob es sowjetisch sei und bekam die Antwort "Nein, da hat man doch alles getan, um die Kirche zu ruinieren."
Ähh...ja. Genau deshalb fragte ich eigentlich. Die Renovierungen der Kirchen in den 1960er Jahren sind meiner Meinung nach gelungener. 

Aber Etschmiadzin (eine von gefuehlt tausend deutschen Schreibweisen) ist mehr als die Klosteranlage. Seit 1995 heißt die umgebende Stadt (wieder?) Vagharshapat, offensichtlich in vorchristlicher Zeit. Auch interessant: In der Wiederentdeckung der Nation und Kirche entscheidet man sich gegen den christlichen Namen. Hat nur nicht viel gebracht, denn die Bevölkerung hat es kaum gemerkt. Eine Kollegin stellte das neulich zufällig fest, als sie im Internet unsere Postleitzahl suchte, und erzählte es allen im Büro tief beeindruckt. Die meisten nickten, ja, das hätten sie auch irgendwann schon mal gehört. Ein verständlicher Fehler, steht doch "Ejmiadzin" (englische Schreibweise) noch groß am Eingang der Stadt, zusammen mit dem Banner der Kirche, und die Klosteranlage heisst auch immer noch so. Unsere Adresse heisst auf Englisch allen Ernstes "Mother See of Holy Ejmiadzin". Hat was. Mein Punkt für den Namen Etschmiadzin (oder wie auch immer geschrieben) ist ja, dass man es der Tourismusbranche nicht noch schwerer machen muss als sie es ohnehin schon hat.
Andererseits gefaellt mir, dass so auch namentlich eine Trennung zwischen den mittelalterlichen Kirchengebäuden und der größtenteils sowjetischen Stadt besteht.

Das Ortsschild, schon ziemlich weit in der Stadt, ist lange nicht so eindrucksvoll
wie das grosse "Ejmiatsin" am Eingang
 

In meine Erinnerung von 1999 hat sich die Stadt auch deutlicher als sowjetisch eingebrannt als als heilige Stadt mit den Klöstern und Kirchen. (Auch die Erinnerung an die Katholikos-Graeber stammen nur aus meinem Tagebuch von damals). Stattdessen erinnere ich mich an eine endlos erscheinende Strasse, ohne Menschen (wie ueberhaupt alle Staedte damals gespenstisch leer erschienen), mit Wiesen mit verbranntem Gras und von der Strasse weg versetzten Haeusern, in denen wir als einzigen Laden eine kleine Buchhandlung mit Buechern aus Hausaufloesungen fanden. Dass das auch wirklich die Strasse war, die ich heute jeden Tag entlang fahre, kann ich belegen, denn es war die, die man von der Hauptkathedrale zur Kirche der Heiligen Hrispsime am Rande des Zentrums führt.




Erinnerung, dass sich fuer manche nichts geaendert hat: Eine alte Frau
verkauft etwas Kraeuter und gekochte Eier von ihrem Parterre-Fenster aus.

Auch unverändert und das vermutlich seit Jahrhunderten: St. Hripsime.



PS: Nein, ich weiß auch nicht, warum die Bildunterschriften kursiv sind. Im Text sind sie es nicht. Allmählich glaube ich, der Blog belibt auf ewig unprofessionell. Warum auch nicht.

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