Erdbeben Gedenktag


Am 7. Dezember 1988 um 11.41 Ortszeit bebte nahe der armenischen Stadt Spitak die Erde und erschütterte fast ganz Armenien. Die zweitgrößte Stadt des Landes, Leninakan, heute Gyumri, war ebenfalls massiv betroffen. 
Die Zahl der Toten wird auf über 25.000 geschätzt, wobei nicht ganz klar ist, wie viele in den Tagen danach an Unterkühlung (es herrschten Minustemperaturen, wie auch heute in Yerevan der erste Schnee fiel) und mangelnder medizinischer Versorgung starben, denn offensichtlich waren gerade Krankenhäuser so schlecht gebaut, dass die Zahl der eingestürzten Krankenhäuser und der Ärzte und Pflegekräfte unter den Toten ungewöhnlich groß war. Eine Millionen Menschen wurde obdachlos - heute wäre das mehr als ein Drittel der armenischen Gesamtbevölkerung. Auch wenn Sovjet-Armenien etwas dichter bevölkert war, war es doch auch für damals ein erheblicher Teil der Bevölkerung.
Es war auch der Moment, an dem ich zum aller ersten Mal von Armenien hörte. Für ein Kind logisch, ich bin aber ziemlich sicher, dass das auch für die meisten Erwachsenen in meinem Umkreis galt. Nach Tschernobyl war das einer der Momente, in denen sich in dieser Zeit der Eiserne Vorhang einen Moment hob. Gorbatschow brach eine Amerika-Reise ab und Helfer aus aller Welt wurden ins Land gelassen. Angeblich suchten sogar türkische Helfer in den Ruinen nach verschütteten Armeniern.
Der Wiederaufbau wurde durch das Ende der Sowjetunion und die damit gestoppten Hilfen aus Moskau weiter verzögert, dass alle Kräfte in den frühen 1990er Jahren in den Kampf um Karabach gingen, machte die Sache nicht einfacher. Zusätzlich wurde das einzige Kernkraftwerk Armeniens aus Sicherheitsgründen für sieben Jahre abgeschaltet und durch den fast gleichzeitigen Stop der Öllieferungen aus Aserbaidschan (ja, tatsächlich, ich habe es selbst nicht geglaubt, aber eine Sowjetrepublik konnte einer anderen in den späten 1980er Jahren schon den Strom abstellen, ohne dass die Zentrale sich da einmischte!) begannen bald darauf die „Dunklen Jahre“, in denen es nur an wenigen Stunden am Tag Strom oder Gas gab. Bei langen Wintern um die minus zehn in notdürftig hergerichteten Häusern. Kein Wunder, dass wer konnte, das Land verließ oder zumindest die Kinder wegschickte. Dass das Atomkraftwerk wieder läuft, auch wenn jeder um das Risiko weiß, hängt auch mit dem Alptraum dieser Jahre zusammen - trotz aller Verklärungen des nachbarschaftlichen Zusammenhalts, der diese Jahre auch prägte. 
So ist meine Erinnerung an Gyumri von 1999 - und eine neuere habe ich leider nicht - noch die einer Stadt aus Blechhütten um einen kleinen Kern aus der Jahrhundertwende, der stabiler gebaut war, als die sowjetischen Mietshäuser und deshalb stehen geblieben war. In meinem Tagebuch erzähle ich von einer Taxifahrt zu einem Kloster etwas außerhalb (das sich dann wohl als Kirche eines verlassenen Dorfes mit Blick auf die türkisch-armenische Grenze entpuppte) und der uns auf die vielen kleinen Berge in der ansonsten platten Landschaft aufmerksam machte: Trümmerberge der acht- bis sechzehnstöckigen Häuser, die in sich zusammengefallen waren. Die Überlebenden lebten größtenteils noch in den Baracken um die Stadt oder waren emigriert. Der Taxifahrer berichtete auch, dass die meisten Hilfsgelder aus dem Westen nie das Erdbebengebiet erreichten, sondern in Moskau oder Yerevan versickerten. Nicht unwahrscheinlich, allerdings würde ich mit meiner heutigen Erfahrung auch glauben, dass die Vorstellungen, welche Summen überhaupt geflossen waren, auch heillos übertriebene Hoffnungen geschürt hatten. 
Heute ist offizieller Gedenktag, aber in Yerevan merkt man davon nichts. So wie man auch vor 29 Jahren hier nur einen kurzen Stoß gespürt hat, während ein Teil das Landes zerstört wurde. Nur in der Facebook-Timeline einer Freundin ist der Horror in aller Schärfe präsent. Sie ist etwas älter als ich, und während ich in der Schule Kuchen für die Opfer des Erdbebens verkaufte, verlor sie fast alle Lehrer und Schulfreunde - sie war krank zuhause als ihre Schule in sich zusammenfiel. 
Wie tief die Angst vor einem erneuten Erdbebens aber auch hier immer noch ist, wurde mir kurz nach meine Ankunft bewusst: Die Nachrichten des Erdbebens von Mexiko, die ich in Deutschland kaum wahrgenommen hätte, lösten hier bei vielen schlimme Erinnerungen und neue Ängste aus: Wenn es hieß, in Mexiko sei die Erdbebenwarnung diesmal sehr spät gekommen, guckten sich meine Kollegen an: Erdbebenwarnung? Man habe wohl bei den Häuser die Bauvorschriften nicht eingehalten. Mein Vermieter glaubt nicht an Bauvorschriften. Immerhin geht sehr viel Geld sehr vieler Geber in Planungen fuer den Fall das noch mal was passiert. Beim nächsten Mal wissen alle, wo die Zelte aufgestellt werden, wenn man sie denn hat, und wo man die aus den Häusern geborgenen Toten bestatten wird. Ich fühle mich gleich schon viel besser. 

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