Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag (WMDEDGT) fragt Frau Brüllen, eine Elternbloggerin, auf die ich immer mal wieder stoße, jeden 5. im Monat. Keine schlechte Idee, vor allem an Tagen, an denen ich mich das Abends auch immer frage. Heute, ein Sonntag, an dem ich es - kurz vor der Abfahrt der Oma - noch mal mit ihr und dem Reisebaby in die herbst-goldenen armenischen Berge geschafft habe: über 2000 Meter und man kann noch ohne Jacke in der Sonne sitzen. So weit, so schön.

5.55 Das Reisebaby schläft - schimpft -schreit - schläft gefühlt schon seit Stunden (nicht) in diesem Rhythmus, aber jetzt schaue ich das erste Mal auf die Uhr. Großartig. Ich gebe dem Morgenmuffel nach und stille in der Hoffnung, noch mal zu schlafen.

8.00 Ich gebe auf. Das Kind ist zwar nicht richtig wach, aber schlafen wird wohl niemand hier. Die Oma übernimmt, während ich wenigstens duschen will, aber es gibt kein heißes Wasser. Nicht mal lauwarmes. Also erstmal zum Frühstück. Selbst die Laune des Reisebabys verbessert sich angesichts des Blicks auf das Bergpanoramas von der Veranda und noch mehr angesichts der schwarzen Katzen und des etwas älteren Kleinkindes im Frühstücksraum. Ich kann sogar fast in Ruhe frühstücken.

8.50 Heißwasser ist da! Und während ich dusche, Haare wasche, unsere Sachen zusammenpacke, sie die zwanzig Höhenmeter zum Parkplatz runtertrage und dort erstmal in einem Schuppen unterstelle, das Zimmer zahle, versucht die Oma das Reisebaby in der Sonne im Garten zu bespaßen, aber es funktioniert nur halb. Heute ist an Mama klammern angesagt. Offensichtlich müde. Das meiste also mit Kind auf dem Arm. Dabei beobachte ich die Mutter des anderen Mädchen, die das selbe Problem hat. Sie erzählt mir, dass sie und ihr Mann zusammen eine Graphikfirma haben und eigentlich mit ausländischen Kollegen für ein Kreativwochenende hier sind. Er ist kreativ, sie schiebt den Kinderwagen auf und ab. Ich beschließe, dass ich meinen Neid auf Zwei-Eltern-Familien noch mal vertage.

WAAS? Schon 11.10? Ich werde wahnsinnig. Bevor wir um zwei hier nach Yerevan fahren, muss ich dringend noch eine Stunde arbeiten. Wir brechen auf in den Ort.

11.36 Strahlende Sonne, Blick auf alte Häuser und Bergpanorama, ein verlockender Kaffeegeruch aus einem Laden am Weg und ein im Kinderwagen endlich schlafendes Reisebaby. Ok, ich verschiebe das Arbeiten und wir trinken einen  Kaffee. Ein seltener Moment, in dem ich mal Zeit habe, der Oma von meiner Arbeit hier zu erzählen. (ja, ich arbeite hier. Ist aber ein längeres Thema)

12.35 Wir sind nach einem kurzen Abstecher zu einer schön restaurierten Straße endlich unten im Dorf und das Reisebaby ist auch wach. Also ins nächste Café, diesmal mit Blick auf einen See und kinderfreundlich mit Bausteinen. Wir essen umschichtig und ich habe tatsächlich mal eine halbe Stunde für meine Präsentation morgen.

13.50 Der Taxifahrer, der uns abholen soll, ist schon da und ruft gleich viermal an, um das mitzuteilen. Wir packen alles ins Auto, fahren an der Pension vorbei, um das restliche Gepäck zu holen. Dann lassen wir uns vom Fahrer überreden, auf dem Weg noch das eine berühmte Kloster der Gegend zu besuchen. Ich habe kein gutes Gefühl bei einer schon fast zweistündigen Fahrt noch einen Umweg über ein paar Berge zu machen, auch wenn es nur vierzig Minuten sind. Aber das Wetter ist schon schön und das Kind pennt schon wieder, also warum nicht?

14.20 Darum. Kurz vor dem Kloster wird das Reisebaby wach und kotzt. Ich ziehe es notdürftig auf der Leitplanke um und mache die Babyschale sauber. Zum Glück ist der Fahrer gelassen und meint, das wäre bei Babys eben so. Trotzdem bin ich beruhigt, dass sein Auto kaum was abbekommen hat.

14.35 Am Kloster. Das Reisebaby ist wieder fit und bezirzt den Abt und alle Besucher, während es begeistert immer wieder über die Kirchenschwelle turnt. Ich tröste mich, dass ich wohl doch keine komplette Versagerin als Mutter bin.

15.10 Aufbruch vom Kloster. Das Reisebaby fällt ins Reisekoma. Ich überprüfe öfter mal, ob es noch atmet. Ereignislose Fahrt.

17.20 Ankunft in Yerevan. Verkotzte Klamotten in die Waschmaschine, einkaufen, Abendessen, Reisebaby baden.
Kurze sms an den Chef, ob er mich morgen mitnehmen kann. Der Shuttle fährt nicht und mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiß man nie, ob man pünktlich kommt. Wäre für die Präsentation blöd. Antwort: Er machts, weiß aber nicht, von welcher Präsentation ich rede. Kann ich mich bei weiteren Arbeitsaufträgen auf dieses Kurzzeitgedächtnis verlassen?

Um 19.10 könnte ein sauberes und sattes Kind schlafen.
Tut es natürlich erst um 20.50.
Ich versuche zwischendurch mal mit dem ganzen Verwaltungskram anzufangen, für den meine Mutter am Dienstag die Briefe mit nach Deutschland nehmen muss. Kindergeldstelle (Mir egal, ob Sie noch nie davon gehört haben: Entwicklungshelfer erhalten Kindergeld unabhängig von ihrem Meldestatus in Deutschland. Also schicken Sie gefälligst endlich meine Akte an die für Auslandsdeutsche zuständige Kindergeldkasse. Jetzt!); Elterngeldstelle (Nein, ich habe keinen Anspruch mehr auf Elterngeld. Seit mindestens zwei Monaten, vermutlich schon seit vier nicht. Also hören Sie endlich auf zu zahlen! Das macht mich wahnsinnig!) Vertrag für Nanny in Englisch und Armenisch fertig machen. Stundenabrechnung für Nanny für Oktober fertig machen (ich darf vor dem ersten Geburtstag zwar anfangen zu arbeiten, aber offiziell keine Kinderbetreuungkosten in Anspruch nehmen. Die Sonderregelung kostet mich noch mal eine gute Stunde Arbeit extra.) Das Formular für die Elektronische Steuererklärung muss auch noch ausgedruckt und unterschrieben werden. Wie komme ich in das bescheuerte Elster jetzt noch mal rein?
Überflüssig zu sagen, dass ich keinen Schritt weiterkomme. Dafür mit Bloggen angefangen.

20.55 Kind schläft! Und ein bisschen Wein ist auch noch im Kühlschrank!! Jetzt muss es mit den Briefen doch gehen!!!

22.35 Eher weniger. Warum geht dieses blöde Elster nicht auf? Aber der Vertrag und die Stundenabrechnung sind fertig. Und die Kindergeldstelle. Wie spät ist es eigentlich in Deutschland? Zwei oder drei Stunden? Wir haben hier ja keine Zeitumstellung. Egal, jetzt bin ich sowieso zu müde, um noch jemanden in Deutschland anzurufen.

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