Im Registrierungsdschungel

Rathaus Yerevan

Wer die ehemalige Sowjetunion kennt, kennt das OWIR, die Behörde für Visa und Registrierung, Quelle unendlicher Nervenzusammenbrüche und (im Nachhinein) unendlich guter Stories. Manchmal geht es da nur um die allgemeine Anmeldung im Land, die jeder, der nicht in Luxushotels absteigen will, selbst vornehmen muss (wie in Tadschikistan vor zehn Jahren oder in Aserbaidschan seit ein paar Jahren wieder), manchmal um längere Aufenthaltsgenehmigungen wie in meinem Fall jetzt. Jedesmal sind die Listen, was man so braucht, von interessanter Originalität und Flexibilität. Routine ist schließlich was für Anfänger.
Die diesmalige Liste sah so aus: Erst zu einer Behörde namens (SchEK), dort eine Nummer holen, die belegt, dass ich da wohne, wo ich wohne. Dann mit dieser Nummer zur zuständigen Poliklinik und ein Gesundheitszertifikat holen. Mit diesem Zertifikat, der Übersetzung unserer Pässe, Passbildern und meinem lokalen Arbeitsvertrag zum OVIR. 
Klang eigentlich überschaubar.


Yerevan Sportstadium.
Nebenan ist meine Lieblingspolizeistation.
Also zum SchEK. Mit meinem Vermieter und meiner Nanny, denn mein Vermieter ist Armenier aus Los Angeles und selbst nach acht Jahren Armenien guckt er immer sehr hilflos, wenn es um Gespräche auf Armenisch geht und ich traue meinem Behörden-Russisch auch prinzipiell nicht. Nur wo ist das für mich zuständige SchEK? Meine Kollegin empfiehlt das nahe gelegene Rathaus. Nein, da ist man weder SchEK, noch zuständig, aber man hat eine Adresse, wo wir hin sollten. An der Adresse ist man ein SchEK, aber nicht für unsere Straße zuständig. Wir sollen zu einer anderen Adresse. Dort ist man ein SchEK und für uns zuständig, aber die gewünschte Registrierungsnummer gäbe es bei der Miliz. Ich kürze jetzt mal die Punkte ab, wegen derer wir insgesamt drei Mal bei der Miliz waren und setze an den Punkt wieder ein, als uns die Miliz erklärte, was ich bräuchte wäre gar keine Registrierungsnummer, sondern eine Social Card, die mir erlauben würde, armenische Polikliniken überhaupt zu benutzen. Und sie können mir tatsächlich eine ausstellen! Wahnsinn, ich hatte mich schon auf ein paar mehr über die Stadt verteilte Büros eingestellt. Mit den Karten und dem Hinweis, für mich sei Poliklinik 3 zuständig, verlasse ich dann, hoffentlich endgültig, die irgendwie schon liebgewonnene Milizstation (Polizeistation! Es heißt hier nicht mehr Miliz, sondern Polis. Weiß nur keiner.)


Fenster in einem der vielen
Bürogebäude.
Der nächste Schritt ist natürlich auch nicht so einfach, wie gedacht: Es gibt keine Poliklinik 3. Meine Kollegin hält mich für irre (kann ich ihr nicht verdenken) und ruft Poliklinik 4 in meiner Nähe an. Die ist für meine Straße nicht zuständig. Zwei weitere Kliniken auch nicht. Meine Kollegin, die das Jagdfieber gepackt hat, ruft das Gesundheitsministerium an. Nach zig Weiterverbindungen fliegen wir irgendwann aus der Warteschleife. Ich habe den Verdacht, dass alle Ministerien der Welt den selben Programmierer für diesen Weg haben.
Schließlich erbarmt sich eine andere Kollegin, älter, lauter, an Selbstbewusstsein und Umfang das Doppelte von mir und der anderen Kollegin (zusammen!) und geht mit mir und dem Reisebaby zur nächstgelegenen Poliklinik, wo sie sich beinahe mit Gewalt Zugang zur Leitung verschafft. Siehe da: Es funktioniert! Zwar weiß keiner, was genau bei mir untersucht werden soll, aber egal. Ich zahle ca 20,- Euro, werde zu einem Hautarzt geschickt, der mich kurz fragt, ob ich Hautprobleme hätte, und als ich verneine (und wenn ich eins hätte, ich betrachte die Frage als Intelligenztest - wer bejaht, verliert), einfach einen Zettel unterschreibt, und dann zu einem weiteren Arzt, den ich nicht einmal zu Gesicht bekomme, und der ebenfalls meine Gesundheit bestätigt. Im Nachhinein erfahre ich, dass es sich um einen Psychiater gehandelt hat - denn, wie mir eine Krankenschwester erklärt, wenn jemand ein Drei-Jahre-Visum beantragen würde, wäre ein Psychiater der richtige Ansprechpartner. Ähh... ja. Das hat eine gewisse Logik.
Dafür wird das Reisebaby untersucht und ich habe das Gefühl, eine kompetente und nette Kinderärztin zweihundert Meter von meinem Haus entfernt gefunden zu haben. Allein dafür hat sich das ganze doch schon gelohnt. Überflüssig zu sagen, dass keiner je nach der Social Card gefragt hat.
Stehen noch Passbilder, sehr viel Kopien aller Unterlagen, sicherheitshalber die Übersetzung des Mietvertrages (denn eine Registrierungsnummer haben wir ja nun nicht) und natürlich das OVIR selbst an. 
Klingt eigentlich überschaubar.

Kommentare