Erster Projektbesuch



Mein erster Projektbesuch außerhalb Yerevans ist nun schon eine Woche her, aber ich will doch noch über ihn schreiben. Eine Kollegin hatte mir angeboten, sie zu begleiten, wenn sie ein Projekt am Sevansee besucht, bei dem es darum geht, Kinder aus Waisenhäusern und „Spezialschulen“ – Internate für Kinder mit Behinderungen – zurück in ihre Familien zu bringen. Dass der armenische Staat gerade versucht, solche Einrichtungen soweit wie möglich zu schließen, hatte ich ja hier schon geschrieben. Deshalb fördert er Projekte, die die Reintergration dieser Kinder in ihre Herkunftsfamilien unterstützen. Noch weiß niemand, ob das ganze eine gute Idee ist, aber durchgezogen wird es schon mal. Für manche, die schon länger an dem Thema sind, ist es ein Vorteil, denn endlich gibt es Gelder für ihre Arbeit. So zum Beispiel für ein Projekt in dem 7500-Seelen-Dorf Chambarak, eingeklemmt zwischen See und der aserbaidschanischen Grenze. Hier versucht eine Frau nun schon ein paar Jahre Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen ein Leben in ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft zu ermöglich. Auch sie ist skeptisch, ob es nicht Kinder gibt, für die die Internatsschulen die bessere Lösung sind, aber sie versucht alles, um die Situation der Kinder und Jugendlichen und ihrer in der Regel alleinerziehenden Mütter (Väter setzen sich ihrer Aussage nach bei Schwierigkeiten nach Russland ab und sind bald nicht mehr aufzufinden) zu verbessern. Es gibt Kunst- und Bewegungstherapiekurse, inklusive Spiel- und Bastelgruppen und Kurse für Eltern zu gewaltloser Erziehung sowie zu den speziellen Bedürfnissen von teilweise mehrfach behinderten Kindern.
Der Sportraum. Das Caféprojekt, auf das die Tapete zurückgeht,
konnte sich in dem Dorf dann doch nicht halten.
Unklar ist übrigens, warum es in der Region überdurchschnittlich vielen Kinder  mit Behinderungen gibt, man vermutet den Stress durch die dauernde Angst vor neuen Kämpfen an der Grenze oder den Einsatz von Chemiewaffen Anfang der 1990er Jahre.

Produkte der Keramikwerkstatt. Ok, doch eine Menge Staubfänger.
Waren mir bei meiner Begeisterung über das Geschirr gar nicht so aufgefallen.

Für meine aktuelle Beschäftigung mit Social Enterprises war vor allem der der Besuch der Keramikwerkstatt interessant, in der Menschen mit und ohne Behinderungen arbeiten und die Souvenirhändler in Yerevan und am Sevansee beliefert. Die Sachen sind wirklich schön und es ist auch einiges Praktisches dabei, also nicht nur Staubfänger. Wenn ich eine eigene Wohnung hätte, für die ich eigenes Geschirr brauchen würde, wäre ich vielleicht sogar schwach geworden, aber von solchem Luxus bin ich ja doch weit entfernt. Leider war die Werkstatt gerade nicht in Betrieb, aber man sah, dass gerade an einer Weihnachtskollektion mit Baumanhängern gearbeitet wurde. Die Souvenirproduktion allerdings wird im Winter etwas zurückgefahren, da ja nicht viele gebraucht werden und die Heizung der Werkstatt dann eingespart werden kann. Sonst arbeiten bis zu zehn Leute hier, davon drei mit Behinderungen, weitere arbeiten für kleinere Aufträge zu hause. Der Ton kommt aus der Gegend und ich fand es erfrischend, dass die Leiterin der Werkstatt so offen über ihre desaströsen ersten Versuche mit Holzarbeiten berichtete, bis sie auf den buchstäblich nahegelegenen Ton zurückgriffen. Bäume sind hier auf 2000 Meter auch eher selten. So viel Selbstironie ist hier leider selten, ich bin gerade etwas genervt von all den brillanten Projekten, die alle die Erwartungen weit übertroffen haben, über die aber nie jemand detaillierter sprechen möchte.
Da verzeihe ich auch das trotz allem etwas unangenehme Gefühl, dass das eine gewisse Regel bei solche Projekten zu sein scheint, dass sie immer gerade beim Projektbesuch aus irgendwelchen Gründen gerade nicht voll funktionsfähig sind. Immerhin füllte sich das Familienzentrum nach Schulschluss gegen drei schnell und es war nur schade, dass gerade dann unser Fahrer anfing, wegen der Rückfahrt zu drängeln, denn es war ausgerechnet der erste Tag, an dem es in den Bergen bis auf den Highways runter geschneit hatte.

Die Toilette wurde übrigens mit einem Mikrogrant der Deutschen Botschaft
 renoviert, wie auch das Schild über der Toilette verkündet.

Das führte neben einigen wunderbaren Fotostopps meiner schneebegeisterten Kollegin noch zu einer Erkenntnis am Rande: Verrückte Autofahrten auf Bergstraßen im Schnee machen als Mutter mit zuhause wartendem Kleinkind keinen Spaß mehr. Überhaupt keinen. 


Und warum sind die Bildunterschriften jetzt kursiv? Ich will einen neuen Blog! Gibt es nicht inzwischen auch Computer-Heinzelmenschchen? (das ist kein Schreibfehler, das ist Gender-Bewusstsein).


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