Die armenische Familie im 21. Jahrhundert

Das Titelbild spricht schon für eine
gewisse Selbstironie. Oder sie sind
einfach sehr aus der Zeit gefallen.
Es ist mal wieder der 25. November und damit Tag der Gewalt gegen Frauen. Im Gegensatz zum 25. vor zwei Jahren passiert hier dieses Jahr in Yerevan nichts, zumindest weiß niemand in meinem Umfeld was davon. Das ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass hier gerade ein neuer Entwurf für ein Gesetz gegen häusliche Gewalt diskutiert wird, in dem es nicht nur - wie in Europa oft - nur um Frauen, sondern auch um Gewalt gegen Kinder geht. Schon vor einigen Jahren wurde ein solches Gesetz  abgelehnt und nun - nach langem Schweigen – hat die Regierung ein neues vorgelegt. Prompt schlagen die Wellen der Empörung wieder hoch. Für einige Menschen (Männer wie Frauen) scheint es das Verbot, Frauen und Kinder zu verprügeln das Ende der Familie zu sein.
Für andere geht es nicht weit genug, denn immer noch ist die Versöhnung zwischen Täter und Opfer häuslicher Gewalt im Mittelpunkt. Schutz des Opfers durch räumliche Trennung, Scheidung, Aufbau einer neuen Existenz ist selbst für viele, die immerhin an die Existenz und die Unrechtmäßigkeit häuslicher Gewalt glauben, dann doch zu viel. In der weiteren Debatte geht es immer wieder darum, ob man mit Gesetzen Traditionen und Ansichten ändern kann – eine Frage, die einerseits berechtigt ist, andererseits für die Verabschiedung eines Gesetzes egal: schließlich ist „ändert sowieso nichts“ kein Gegenargument. Die Frage ist eher. Ob jemand etwas ändern will. Und das ist bei der aktuellen Gesetzesversion ebenso wie angesichts der kaum existierenden Hilfen für Opfer - sei es in Form von Frauenhäusern oder Näherungsverboten durch die Täter - nicht unbedingt zu bejahen. Für Kinder sieht es noch schlechter aus: Zeitgleich zum verstärkten Schutz der Kinderrechte in Familien, werden Kinder aus Waisenhäusern wieder um jeden Preis zu ihren Familien zurück gebracht. Auch wenn Waisenhäuser durchaus auch Gewaltorte sein können - das wirkt nicht überzeugend.

Wenig im Blickfeld, aber auf dem Dorf durchaus häufige Realität:
Alleinerziehende mit fünf Kindern. 
Immerhin sprechen sich hohe Kirchenvertreter für das Gesetz aus. Ein Erzbischof warf laut einem Zeitungsartikel in einer Diskussion mit Gegnern, die in dem Gesetz ein Zerstörung der armenischen Familie sahen, die Frage auf, was ein Gesetz gegen häusliche Gewalt einer gewaltlosen Familie anhaben könne. Die Antwort der Gegenseite ist leider nicht zitiert worden. Als unverbesserliche Optimistin denke ich, dass das schon mal ein Gewinn ist. Meine Kollegin am Nachbarschreibtisch arbeitet in einem Projekt, in dem Priester für häusliche Gewalt sensibilisiert werden sollen. Auch wenn natürlich bei der Kirche wieder die Versöhnung zentral ist, Priester, die wenigstens akzeptieren, dass es das Problem gibt, sind schon mal ein Fortschritt. Ein kleiner.
Vater, Mutter, Kind - armenischer Durchschnitt
(nur dass das Kind ein Mädchen ist, ist nicht ganz selbstverständlich)
Zur Häufigkeit von Scheidungen in Armenien gehen die Meinungen verblüffend weit auseinander: googlet man „divorce rate Armenia“ erhält man sowohl Ergebnisse, die von einem drastischen Anstieg in den letzten Jahren sprechen, als auch solche, die von einem Zurückgehen sprechen. Ziemlich einig scheinen sich Vertreter beider Nachrichten zu sein, dass die Scheidungsrate zum einen trotzdem noch unter den geringsten der Welt ist (zusammen mit Georgien und im Gegensatz zu anderen post-sowjetischen Ländern) und dass die Heiratsrate sinkt. Auch hier ist nicht ganz klar, ob immer weniger junge Leute heiraten, oder ob es einfach weniger Leute zum heiraten gibt. Bei einer alternden Gesellschaft – und das fängt Armenien an zu sein – und ohne nennenswerte Scheidungsrate sind ja nun mal irgendwann die meisten entweder verheiratet oder haben endgültig keine Lust mehr.
Nicht nur wegen der Heiratsunlust, aber - in diesem christlichen Land, in dem uneheliche Kinder immer noch schräg angesehen werden - sicher auch ist die Geburtenrate mit 1,5 Kindern pro Frau  wieder einmal auf einem neuen historischen Tiefstand angekommen. Dafür werden wieder mehr Mädchen geboren – relativ gesehen zumindest. Nach den Horrorzahlen von 100 Mädchen auf 114 Jungen am Anfang der 2010er Jahre, als Armenien sogar China in der Abtreibung von Mädchen übertraf, sind es jetzt nur noch 100:110. Vom natürlichen Schnitt von (angeblich) 100:104 noch weit entfernt, aber wieder: ein kleiner Schritt. 

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