Klöster und Steine (und ein bisschen Wein)


... das ist Armenien in Kurzfassung. Und für das letzte Wochenende gilt das auch. Wir haben es trotz der bisweilen ziemlich schlechten Laune das Reisebabys geschafft, recht erholsame Tage auf dem Land zu verbringen, ich habe mich durch zwei lokale Weinfabriken probiert (also zwei Schluck von zwei Rot- und einen Weißwein und ein Obstwein jeweils -nicht dass das hier nach Vollsuff klingt!), und wir haben zwei der am schönsten gelegenen armenischen Klöster besucht - und das will was heißen, denn imposante Lagen haben die Klöster in diesem Gebirgsland eigentlich alle. Aber Noravank bei Areni mit seiner versteckten Lage über einer tiefen Schlucht und Khor Virap am Fuß des Ararat sind schon besonders. Nur auf die berühmte Weinhöhle, wo der Beweis gezeigt werden soll, dass in Armenien seit 6000 Jahren Wein angebaut wird, habe ich verzichtet. Sie liegt hoch am Berg und das Reisebaby darauf schleppen, wollte ich dann doch nicht. Das mag übrigens Klöster: Getragen werden, weil mit Wagen zu schwierig, Steinchensammeln und ganz viel Aufmerksamkeit und Süßigkeiten von Mönchen und Touristen (wir teilen da noch gerecht: Aufmerksamkeit und Segen fürs Kind, Süßigkeiten für mich).

Noravank
Wichtiger aber als die Sehenswürdigkeiten aber war es für mich, mal wieder richtig ins Land hinein zu kommen, um zu merken, was ich hier eigentlich mache: In Yerevan mit seinen Geschäften aller denkbaren Marken, seinen Cafés und den für mich immer wieder erstaunlich vielen Touristen ist es leicht, die Armut im Land zu vergessen. Nach unserem Wochenendausflug kann ich sagen, dass das Stadt-Land-Gefälle wahnsinnig groß ist, größer als in den beiden anderen südkaukasischen Staaten. Viel größer. Wenn das Weindorf Areni zu den Zentren des Tourismus in Armenien gehört, ist die Bilanz ernüchternd: Ein paar Bed&Breakfast, noch im Bau, zwei geschlossene Cafés, die vermutlich nur für Gruppen oder beim Weinfest vor einer Woche offen waren, ansonsten Hühner, Truthähne, Hunde, Kühe auf den Straßen, auf denen alte Sowjetautos entlang tuckern: Den Unterschied zu Yerevan, wo man eher von Luxusmodellen überfahren wird, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann, hatte ich so nicht erwartet. Und wenn man eben bedenkt, dass die Region noch relativ nah am Zentrum liegt, fruchtbar ist, eine ganze Reihe großer Weinkeltereien hat und durchaus touristisch erschlossen ist, muss es in anderen Regionen noch wesentlich schlimmer sein. Von dem Aufschwung seit 1999, der mich in der Stadt immer wieder beeindruckt, ist auf dem Land kaum etwas angekommen. Faszinierend-exotisch für Ausländer, deprimierend für alle, die dort von mehr träumen. Dazu der massive Abfall des Bildungsniveaus: Russisch wird immer weniger gelehrt, die Unterhaltungen mit Englischlehrerinnen, die mal die Sprache ausprobieren wollen, sind ebenso sinn- wie hoffnungslos und die Deutschkenntnisse, für die die Gegend mal berühmt war (irgendjemand hat in der sowjetischen Planung beschlossen, dass der Süden Armeniens Deutsch lernt. Punkt.), sind schlechter, je jünger der Sprechende ist. Und mit der Weltsprache Armenisch ist der Anschluss an die Welt eben begrenzt.

Verändert haben sich die Klöster. Wo 1999 noch mehr oder weniger Müllhalden und Baugerüste waren, strahlt jetzt neuer Glanz und irgendwo singt immer ein Mönch. Hier ist unendlich viel Geld in Renovierungen geflossen, hier gibt es eine touristische Infrastruktur und Riesenautos von reichen Armeniern füllen die Parkplätze. Die Kirche hat ganz offensichtlich Geld und weiß es sich bei der Diaspora zu beschaffen. (Das macht den Punkt „Was ich hier eigentlich mache“ schon wieder schwieriger, denn ich bin ja bei einer kirchlichen Organisation – für Klosterrenovierung reicht es, für die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht. Mag sein, dass der Mensch nicht nur von Brot allein lebt, aber nur Weihrauch bringts halt auch nicht.

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