Die Veränderung der Märkte

Getrocknete Früchte im GUM - so erinnere ich
 mich auch an
die zentrale Markthalle
Über Märkte wollte ich sowieso schreiben und das Thema bietet sich wunderbar für einen gemeinsamen Yerevan-Tbilisi-Post an. Das Verhältnis der südkaukasischen Länder zu Märkten, vor allem in ihren Hauptstädten, ist - vorsichtig gesagt - ambivalent. Einerseits gehören "bunte, orientalische" Märkte ebenso wie Seidenstraßen-Erwähnungen zum Bild, dass man gerne an Touristen vermittelt, andererseits werden die real existierenden Märkte mit ihren sowohl vom Finanzamt als auch von der Gesundheitsbehörde nur schwer kontrollierbaren Kleinhändlern ungerne gesehen und gelten als unangenehm anachronistisch und nicht ins Bild nach Europa gewandter Länder passend. Sehr bewusst ist mir das in Jerevan wieder geworden, als ich mich zuerst freute, dass die große Markthalle wieder offen war. Ich habe schöne Erinnerungen an die hochgewölbte Halle gegenüber der Persischen Moschee und war 2013 ziemlich enttäuscht gewesen, dass sie geschlossen war. Allerdings wurde ich noch mehr enttäuscht: Nach der Renovierung war nichts mehr von der alten Marktatmosphäre übrig, stattdessen ist nun das ganze Untergeschoss mit einem gigantischen Supermarkt gefüllt, in dem man die unerwartetsten Importwaren finden kann. Auf der Empore befindet sich ein Fastfood-Restaurant und einige Kleidungsläden. Da kann man schon froh sein, dass nicht das große Gitterwerk am Eingang, in dem man neben Mustern auch Abbildungen von Tieren, Fischen, Blumen und Früchten findet, und die comichaften Lebensmittel mit Gesichtern, Armen und Beinen am Dachfirst Werbebannern weichen mussten. 
Etwas altes Marktgefühl im modernen Supermarkt
Die Händler sind verdrängt worden. Gerade die Kleinsthändlerinnen mit ihren wenigen Eimern mit Obst, den Gläsern mit Joghurt oder ein paar Kisten mit getrockneten Fischen bieten ihre Waren immer noch rund um die Markthalle an. Die größeren Händler, vor allem für Obst oder getrocknete Früchte und Nüsse treffe ich am Sonntag als ich eher zufällig auf dem anderen großen Markt von Jerewan lande, der für die alten Jerewaner immer noch das GUM nach der alten russischen Bezeichnung ist, auch wenn schon lange "Armenischer Markt" am Eingang steht.

Was der Garten so hergibt
In Tbilisi sollte der alte "Desertes"-Basar am Bahnhof schon vor Jahren einem Bürohochhaus weichen. Heute ist er immer noch eine Bauruine, in der Handel getrieben wird - hier werden Karotten oder Kartoffeln säckeweise aus großen Lastwagen verkauft oder eine alte Frau bietet zehn einzelne Bünde Estragon an. Ich frage eine frühere Kollegin, die sich intensiver mit den damaligen Plänen, den Reaktionen der Kunden und Händler beschäftigt hat, was passiert ist und wie es nun weitergeht. Denn so richtig überzeugend scheint mir das offensichtliche Provisorium nicht zu sein. Die Kollegin winkt ab: Alles unklar. Nur das geplante Hochhaus würde sicher nicht gebaut werden. Die darunter durch führende U-Bahn mache den Bau statisch unmöglich. Aber das habe eben niemand vorher überprüft und nun wisse keiner weiter. So was könne auch nur in Georgien passieren. Ich denke an den Berliner Flughafen und erspare mir jeden Kommentar.

Eins muss ich allerdings bei aller Nostalgie für die alten Märkte doch festhalten: Der neue Supermarkt in Jerewan und das Fastfoodrestaurant waren eindeutig besser besucht als der GUM und auch der Desertes, zumindest als ich da war. Die Bevölkerung - jedenfalls die, die es sich leisten kann, hat sich offensichtlich schon entschieden.

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