Heiße Zeiten

Es ist heiß. Ok, es wird besser, aber mir ist es zu heiß. Das war - neben sehr viel anderer Arbeit - tatsächlich einer der Gründe, warum ich auch nichts zum Putsch in der Türkei geschrieben habe. Abgesehen davon, dass ich auch keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Von den Kollegen hören wir nichts, außer kurze Nachrichten, man wäre ok und würde abwarten. Suspendierung und Sommerferien scheinen da zusammen zu kommen. Ich habe die vage Hoffnung, dass Kemalisten mittlerweile als zu unwichtig gelten, um ernsthaft in Gefahr zu sein. Politisch auch eine beunruhigende Vorstellung, aber wenn es Freunden hilft, soll es mir recht sein. Gleichzeitig irritiert mich, wie viele, die all die Jahre geklagt haben, dass das Militär nicht wie gewohnt gegen Islamisten putscht, auf einmal den Militärputsch als undemokratisch verdammen. Geschichte ist Geschichte der Sieger, aber so auffällig muss es nun doch nicht sein, oder?
Während also in der Türkei mal wieder alle Stolz sind, Türken zu sein und mit türkischen Fahnen wahlweise mit Erdogan oder Atatürk über den Taksim ziehen, gehen in Armenien die allsommerlichen Proteste los. Nachdem in den letzten Jahren mal die Strompreise, mal die für den öffentlichen Nahverkehr oder die Pensionen Thema waren, ist es diesmal allgemeiner: Forderungen nach Rücktritt der Regierung werden laut. Sehr laut. Alles begann, als ein paar - Oppositionelle? ehemalige Karabachkämpfer? Sonstige Irre? vor bald zwei Wochen eine Polizeistation in Yerevan besetzten, einen höherrangigen Polizisten töteten und die Anwesenden als Geiseln nahmen. Vor fast zwei Wochen. Seitdem sitzen sie da. Und fordern die Abdankung des Präsidenten. Ab und zu lassen sie Geiseln frei (inzwischen nach manchen Angaben fast alle). Die Unterstützung der Bevölkerung für die Tat ist enorm. Weniger wegen der erhobenen Forderungen (die kommen in den meisten Berichten gar nicht vor), sondern weil es eben Karabach-Veteranen sind. Die machen es schon richtig. Die Regierung scheint zu glauben, sie könne die ganze Sache aussitzen, wie sie es in den letzten Sommern mit allen Protesten getan hat. Nur das diesmal doch einiges an Waffen im Spiel zu sein scheint. 
Ich weiß, dass eine besetzte Polizeistation etwas anderes ist, als ein Putschversuch. Das armenische Militär ist ganz offensichtlich (noch) nicht beteiligt. Aber: Auf einmal jubelt die armenische Zivilgesellschaft - auch der kleine Teil, der sich bisher als pazifistisch bezeichnet hat - einer bewaffneten Gruppe (Ex-?)Soldaten zu, die die Besetzung von Polizeistationen als legitime Alternative zu Wahlen betrachten (ich vermeide bewusst das Wort "demokratisch" vor den "Wahlen" - das ist in Armenien noch nicht abschließend geklärt). Gleichzeitig verteidigen in der Türkei Menschen, die all die Jahre auf einen Putsch gewartet haben, die Ergebnisse der auch nicht zweifelsfreien Wahlen. 
Ich bin mal wieder etwas überfordert, das alles zu verstehen. Vermutlich ist es auch einfach überall zu heiß.

Kommentare

  1. Zum Putschversuch in der Türkei: Ich chattete in derselben Nacht mit einer türkischen Freundin, einer Akademikerin, die noch gar nicht genau wusste, was los war. Als ich sagte "Militärputsch" schrieb sie wortwörtlich "wurde auch Zeit". Heute will sie nichts mehr davon wissen.

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  2. Das kommt mir sehr bekannt vor. Jahrelang habe ich gehört "Warum macht das Militär nichts?!" und auf einmal sind die selben Leute die größten Anti-Putsch-Demokraten.

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