Noch mal nach Westen

In Kazbegi hatte die Mutter meines Freundes viel von ihrer fernen Heimat Mingrelien, ganz im Nordwesten Georgiens erzählt, von den wunderbaren Wäldern, den heiligen Kirchen und Klöstern und der alten Geschichte, denn auch in Mingrelien gibt es Orte, an denen die Argo gelandet sein soll. Ich fühlte mich dadurch in meinem eigentlich ohnehin schon getroffenen Entschluss bestärkt, noch dahin zu fahren. Also mit dem Nachtzug nach Zugdidi, der Hauptstadt Mingreliens. Die Züge zwischen Tbilisi und Zugdidi überraschend voll, eine Mischung aus Touristen, die Zugdidi als Zwischenstopp in die Berge, nach Swanetien, betrachten, und Händlern, die mit vollen Tüten über Nacht in die Hauptstadt fahren und Abends wieder zurück. In den Tüten ist offensichtlich alles von Obst bis Textilien oder Plastikspielzeug - ich dachte, das gäbe es in Tbilisi auch so.
Zugdidi hat nicht viele Seiten im Reiseführer und dann vor allem in Bezug darauf, dass die Stadt nahe an Abchasien liegt und voller Flüchtlinge (politisch korrekterweise ja IDPs) von da ist. Stimmt auch und ist nach Aussagen meiner ur-mingrelischen Informanten der Grund, warum die Stadt so ärmlich und unmodern wirkt. Tatsächlich ist es eine sowjetische Kleinstadt, die schnell in eher ländliche Straßen übergeht, und mit einem großen Basar. Sobald die typischen grauen Hochhäuser aufhören, die das kleine Stadtzentrum ausmachen, beginnen Viertel mit den typischen westgeorgischen Häusern mit großen Veranden im ersten Stock, zu denen geschwungenen Treppen führen. Dazu Gärten, in denen Palmen und Eichen, Bananenstauden und blühende Obstbäume stehen - ja, die Hauptstadt Mingreliens gefällt mir schon mal. Nur das Wetter hätte gerne etwas mehr in Richtung Subtropen gehen können.

Vorne europäisches Schloss...
Das touristische Highlight der Stadt ist der aus dem 19. Jahrhundert stammende kleine Palast der lokalen Fürstenfamilie, der Dadianis, die offensichtlich einen Hang nach Frankreich hatten. Nicht nur, dass Palast und Garten nach französischen Vorbildern im Kleinformat geplant wurden und Ölgemälde und Porzellan importiert oder in Auftrag gegeben wurden - man schwärmte auch für Napoleon und stolz wird im Palast, der heute Museum ist, eine der drei Totenmasken des großen Franzosen gezeigt, die ein Großneffe des Kaisers zusammen mit einigen anderen persönlichen Besitztümern Napoleons nach Zugdidi brachte, als er (der Großneffe! Nicht Napoleon!) seine Tochter der Dadianis heiratete. Die Aufstellung ist bemerkenswert schlecht, Menschen normaler Größe haben einen ausgezeichneten Blick in die Nasenlöcher des großen Kaiser. Schade, ich hätte ihn schon gerne mit dem Ölgemälde von ihm im selben Raum verglichen. (Die Napoleon-Begeisterung scheint in Zugdidi immer noch zu grassieren, in meinem Hotelzimmer hing auch ein Bild von ihm über meinem Bett.)

... hinten georgische Terrassen: Der Palast der Dadianis.

Neben dem französischen Garten  vor dem Schloss beginnt der Botanische Garten, den ein Dadiani vor über hundert Jahren angelegt hat, und dort vor allem Bäume gesammelt hat. Angeblich ist in den letzten Jahren viel Geld in seine Restaurierung geflossen, nachdem er seit Ende der Sowjetunion völlig verwildert ist. Ich kann keine Pflege oder gar kostspielige Neuanpflanzungen erkennen, aber gerade das völlig verwilderte hat seinen Reiz.



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