Berge und noch mehr Ostern

Ein bisschen wolkig, aber eindrucksvoll - Blick von
der Terrasse meiner Familie in Kazbegi

Ostermontag früh bin ich mit einem georgischen Freund zu seiner Familie aufs Dorf gefahren. Sein Dorf ist nicht irgendeins irgendwo im georgischen Nirgendwo, sondern Kazbegi, das letzte Dorf vor der russischen Grenze an der georgischen Heerstraße. Seine Familie - außer ein paar Tanten in den Nachbardörfern - lebt schon lange nicht mehr da oben, aber das Haus der Großeltern ist immer noch das Zentrum für Familienfeiern. Ostermontag ist aber nicht das Haus das Zentrum, sondern der Friedhof. Ostermontag ist Totengedenktag in Georgien, man fährt zu den Gräbern und isst und trinkt dort zusammen mit den Verstorbenen. Platz ist zumindest auf dem Friedhof von Kazbegi mehr als genug, jede Familie hat eine eigene Terrasse am Hang für sich, so dass man das Picknick auch nicht weit schleppen muss, sondern mit dem Auto praktisch ans Grab fahren kann. Nach jedem Toast - und da gibt es wie immer in Georgien viele - trinkt man einen Schluck Wein oder Wodka, der Rest wird aufs Grab gegossen.
Khinkali für die Toten
und die Lebenden

Die eine Oma, die offensichtlich Anti-Alkoholikerin gewesen war, bekam ihr geliebtes Quellwasser. Ansonsten hinterlässt man rotgefärbte Eier, Osterkuchen und in unserem Fall noch eine Extraflasche Wodka für den Opa. Dann lässt man die Ahnen glücklich und- bis auf besagte Oma - volltrunken zurück.
Ich war positiv überrascht, dass der Bruder meines Freundes, der fuhr, überhaupt nicht trank, begriff aber auf dem Rückweg schnell warum: Die Polizei hatte sich strategisch an den Zufahrtsstraßen der Friedhöfe platziert und führte Alkoholkontrollen durch. Kluge Leute.

Picknick am Grab
Die Jugend der Familie nutze meine Anwesenheit dann, um mit dem Hinweis, man müsse mir ja die Gegend zeigen, den weiteren Familienfeiern zu entgehen - und zu rauchen. Egal, wie alt man in Georgien ist, rauchen in Gegenwart älterer Verwandter ist offensichtlich ein Tabu. Und auch wenn mein Freund und sein Bruder es ihren Eltern gegenüber wagen, die anderen Verwandten sollen das nicht sehen.
So ganz wissen wir nicht mehr, welcher
Ur-Großvater hier begraben ist, aber ein
Osterei haben wir noch für ihn übrig.
So lernte ich noch einige versteckte Mineralwasserquellen und Kirchen kennen, sowie das Dorf, aus dem der amtierende georgische Patriarch stammt. Die eine Tante berichtete stolz, man sei weitläufig verwandt (was in den engen Bergdörfern vermutlich nicht besonders schwer ist), die jungen Leute verdrehten die Augen und murmelten etwas von "Kapitalist" und "hoffentlich kommt der nächste vom anderen Ende Georgiens und wir können hier wieder machen was wir wollen, ohne dass die Kirche sich einmischt" - was sie nicht davon abhielt, ständig die Hände vom Steuer zu nehmen, um sich vor jeder kilometerweit entfernten Kirche auf einem Berg zu bekreuzigen.
Kazbegi ist mittlerweile auch ein wichtiger Tourismusort. Dazu das nächste Mal mehr.

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