Hinter den Fassaden

Der Bedarf an Saz scheint doch noch sehr hoch zu sein.


Nachdem ich im letzten Beitrag mal wieder über Gentrifizierung in Istanbul hergezogen bin, verschaffte mir ein Spaziergang mit einer neuen Bekannten einen Einblick in das, was vom alten Galata noch übrig geblieben ist. Gar nicht so wenig, wenn man an den Restaurants, Bars und Andenkengeschäften vorbei in die Hauseingänge geht und die engen, oft schmutzigen Treppen hochsteigt. Wenn man weiß, wo man suchen muss, findet man noch die alten Handwerker, die zum Teil seit Generationen hier Musikinstrumente, Lampen, Tischlerarbeiten und Holzschnitzereien anfertigen. Meine neue Bekannte arbeitet als Dozentin für Design an einer Istanbuler Uni schickt ihre Studierenden regelmäßig zu mehrmonatigen Praktik in die Werkstätten, damit sie auch das Handwerk erlernen und langfristig Kontakte zu Handwerkern aufbauen. Offensichtlich mit Erfolg, denn in fast jeder Werkstatt trafen wir nicht nur ihren aktuellen Praktikanten, sondern auch einen ehemaligen, der gerade mal wegen eines Projekts oder einfach nur zum Tee vorbei schaute. Überhaupt waren die Werkstätten immer voller Menschen - Mitarbeiter, Nachbarn, Kollegen oder Kunden, die einfach mal vorbeikamen und auf einen Schwatz blieben. Die interessanteste Begegnung waren dabei vielleicht nicht mal die Handwerker, sondern ein Besucher und sein Sohn: Die beiden kamen aus Sri Lanka und hatten als Geflüchtete lange Zeit in Istanbul gelebt, der Sohn war hier geboren und waren dann vor einigen Jahren nach Sri Lanka zurückgekehrt. Nun besuchten sie alte Freunde in Istanbul. Auch wenn es pathetisch klingt: Man kann nur hoffen, eines Tages auch Syrer auf Besuch am alten Zufluchtsort wieder zu treffen, die von der verbesserten Situation zu hause schwärmen.
Ein weiteres Projekt zur Verbesserung der Situation von Handwerkern ist, dass die Studierenden bei der Renovierung der Werkstätten helfen und z.B. durch den Einbau von Toiletten und Duschen helfen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Klingt erstmal simpel, aber die Handwerker versprechen sich von den stolz vorgeführten sanitären Anlagen, dass eventuell interessierte Auszubildende nicht gleich wieder die Flucht ergreifen. Finde ich auch gar nicht so abwegig. Denn in Galata gilt wie vermutlich überall auf der Welt: Die Jugend will einfach nicht mehr ins schmutzige Handwerk, sondern in die edleren Bürojobs oder gleich an die Unis und die Eltern wollen auch, dass ihre Kinder was besseres als einfach "nur" Handwerker werden.




Nicht unbedingt traditionelles Handwerk, aber für die Kombination von
Design und Handwerk durchaus interessant: Produktion von Leuchtreklamen.


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